Über mich

Das bin eigentlich ich...

Verehrtes Publikum!…

Nein, jetzt nochmal von vorn.

Meine Damen und Herren!…

Vielleicht lieber doch anders?

Dudes and dudettes!…

Verdammter Bockmist! Zum Teufel mit Formalitäten!

Ich möchte einfach nur diejenigen begrüßen, die sich in den unendlichen Tiefen des World-Wide-Webs nicht verirrten und ihren Weg hierher, zu diesem Blog, gefunden haben. Dafür ein Dankeschön. Seid herzlich willkommen.

Ich heiße Alla und komme aus Usbekistan.

Das war das Erste, was sich in mein Hirn einbrannte, als ich vor 11 Jahren anfing, Deutsch zu lernen. Na gut, das Wort „Scheiße“ habe ich noch etwas früher über die Lippen bekommen, aber das vergessen wir einfach.

Falls Ihr Euch fragt, wo denn Usbekistan liegt, hier ist die Antwort: Es befindet sich in Zentralasien, umgeben von 5 anderen Stans, was für ein deutsches Ohr nicht unbedingt nach Sicherheit oder Prosperität klingt. Doch sollt Ihr nicht voreilig die Hände mit einem Oh-mein-Gott-du-armes-Ding-Schrei überm Kopf schlagen. Ebenso wenig sollten postapokalyptische Bilder á la Kabul/Bagdad/Aleppo an Eurem geistigen Auge vorbeischweben. Usbekistan ist ein friedliches (auch wenn nicht vom Wohlstand gezeichnetes) Fleckchen Erde, wo orientalische Köstlichkeiten sowie koreanische Gaumenfreuden an jeder Ecke lauern und glühende sommerliche Luft mit nahezu paradiesischen Düften füllen.

Ich hatte Glück, alle drei Jahreszeiten meines end- und postsowjetischen Heimatlandes zu erleben: Umbruch, Zerfall, Unabhängigkeit. Diese Erfahrung kann man mit einem Leben in der DDR kurz vor dem Mauerfall vergleichen: Man steht auf der Türschwelle: ein Fuß in der kommunistischen Vergangenheit, der andere in einer unergründlichen, jedoch so verführerischen Zukunft. Dazu kommt eine dicke Prise zentralasiatischen Kolorits, wodurch die Mischung nur noch würziger und markanter wird.

Ja, Zeit und Umstände haben meine Generation unverkennbar geprägt. Wir waren die, die provozierten, rebellierten, groß träumten, laut fluchten, das uns Gegebene verschwendeten und doch so liebten. Wir trugen auf einem Basar gekaufte, in China illegal produzierte, Abibas-Schuhe, aßen Snickers, tranken Coca-Cola, hörten Rock’n’Roll und nahmen es als selbstverständlich wahr, als hätte es kein Gestern gegeben, in dem unsere Eltern ein Paar Jeans für etwas fast schon Außerirdisches hielten.

Meine Kindheits- und Jugendjahre verliefen überwiegend unbeschwert. Es gab vieles, was mich positiv, kreativ und konstruktiv aufgeladen hatte, was ich als ein hohes Privileg betrachte.

Und da gab es noch eine kleine Ortsbücherei direkt gegenüber dem Mehrfamilienhaus, in dem meine Mutter und ich in einer Dachgeschoßwohnung hausten.

Es war ein sogar für usbekische Verhältnisse heißer Junitag. Mein erstes Schuljahr lag gerade mal drei Wochen hinter mir und die Zeitspanne bis zum 2. September kam mir schier unendlich vor. Die Dauer der Sommerferien beträgt in Usbekistan 14 Wochen – also lange genug, um die Eltern in den Wahnsinn zu treiben, jeglichem denkbaren Quatsch nachzugehen und sogar anzufangen, die Schule zu vermissen.

Das Letztere war bei mir an diesem Tag noch nicht der Fall.

Ich genoss die Hitze und streifte durch das hohe, von der wütenden Sonne noch nicht verbrannte Gras, in der Hoffnung, eine kleine graue Libelle zu erspähen. Unter usbekischen Kindern galt es als höchste Kunst, den unteren Teil des Körpers einer gefangenen Libelle abzutrennen, einen dünnen Grashalm in die entstandene Wunde einzuführen und den noch mit Flügeln zappelnden Leib des Insekts als eine Art Miniaturventilator zu benutzen. Dies war jedoch nicht mein Plan. Ich bewunderte (warum eigentlich Präteritum?) Libellen aus tiefstem Herzen: ihre elfenhaften Silhouetten, ihre Augen, die wie kleine nasse Steinchen glänzten.

Mein Streifzug wurde von einer weiblichen Stimme unerwartet unterbrochen.

„Ist es nicht ein wenig zu heiß hier draußen?“ fragte mich eine unbekannte Frau in einem weißen Kleid mit beigem Blumenmuster. Sie war noch sehr jung, kaum der Schulbank entwachsen. Auf mich wirkte sie jedoch erwachsen. Damals hielt ich allerdings jeden, der 160 cm erreicht hatte, für einen Erwachsenen.

„Mein Name ist Lena“, fuhr sie fort, ohne meine Antwort abzuwarten. „Ich bin die neue Bibliothekarin.“

Wir plauderten ein wenig über dies und das; ich ließ mich über meine Schule, Freunde und Interessen ausfragen. Lena war nett und ich empfand sie als vertrauenswürdig genug, um der Einladung in die Bücherei auf einen Tee (bei uns trinken schon kleine Kinder grünen und schwarzen Tee) Folge zu leisten.

Die Bücherei war klein – von der Größe einer Zweizimmerwohnung – und angenehm kühl. Dunkelgrüne Regale an den Wänden und in den Gängen wirkten verlockend, schrien förmlich danach, dass eine neugierige Hand deren stramme Wortkunstreihen auflockerte. Ich war von dem dort herrschenden Duft überrascht. Es roch nach Bücher. Bücher rochen gut. Ganz anders als die, die ich zu Hause hatte. Irgendwie geheimnisvoll.

In einem kleinen Nebenraum stand ein Tisch mit einer roten Thermoskanne darauf. „Magst du Karamellbonbons?“ fragte Lena. Obwohl ich keine mochte, nickte ich mit dem Kopf. Sie zündete eine Zigarette an.

„Eigentlich darf man hier nicht rauchen, aber du verrätst mich doch nicht, oder?“

Ich nickte erneut.

Wir tranken Tee. Lena stellte mir meine erste Büchereikarte aus. In diesem Sommer wurde ich zu ihrem Stammgast. Einige weitere Kinder folgten meinem Beispiel und schon bald herrschte in der kleinen Bibliothek ein reges Treiben. Wenn die Hitze draußen zu unbarmherzig wurde, durften wir in den kühlen Räumen Verstecken spielen.

Währen der Ferienzeit habe ich viele Bücher verschlungen: überwiegend Märchen, Sagen und Mythen der Antike. Ich bin auf den Geschmack des Lesens gekommen, habe es lieben gelernt.

Eines Tages (es war ein Mittwoch), als der Sommer schon fast vorbei war und man die ersten fernen Herbstnoten in der Luft erahnen konnte, stand ich schon am frühen Morgen vor der Tür der Bücherei. Mein Vorhaben war es, das zweite Band der skandinavischen Märchen abzugeben und dafür das Dritte auszuleihen. Und allem voran wollte ich Lena sehen, mit ihr meine Faszination für die wunderbare Welt der Trolle und Zwerge teilen.

Am Schreibtisch im kleinen Nebenraum saß eine unbekannte Frau – viel älter und viel weniger sympathisch als Lena.

„Wo ist Lena?“ stammelte ich vor mich hin.

„Sie hat gekündigt“, antwortete die Frau am Schreibtisch. „Du kannst das Buch gerne auch bei mir abgeben.“

Das tat ich auch. Ich weiß noch, wie mein Magen sich dabei umdrehte, wie ich aus dem Zimmer mit grünen Bücherregalen hinausrannte, direkt nach Hause, in den dritten Stock, wie mir die Tränen aus den Augen schossen, wie ich auf den Teppich im Wohnzimmer fiel und krampfhaft versuchte, nicht laut zu schluchzen.

Lena kam nie zurück, egal wie sehr ich es mir wünschte. Die Bücherei war ohne sie nicht mehr dieselbe. Meine Mutter erzählte mir später, einige Nachbarn haben sich dafür eingesetzt, dass ihr gekündigt wurde, weil eine Bibliothek ja schließlich kein Platz zum Spielen sei und Gott weiß, welch anderen Unfug so ein rauchendes Weib den Kindern noch hätte eintrichtern können.

Die Welt ist unfair – das musste ich irgendwann einsehen. Jedoch trage ich das kleine Lichtteilchen, das ich damals von Lena geschenkt bekam, immer mit mir herum. Es befindet sich in meinem Herzen und lodert jedes Mal strahlend auf, wenn ich ein neues Buch aufschlage.

Dafür bedanke ich mich.

5 thoughts on “Über mich

  1. Oh, wie traurig, das mit der Bibliothekarin. Wirklich schade, ich hätte sie auch vermisst.

    Und wie toll, dass Du Libellen magst, ich finde die auch ungemein faszinierend :-).

  2. Die Geschichte mit der Bobliothek kannte ich ja gar nicht! Hnd überhaupt, wo war kn in dem besagten Sommer?
    Ich finde es unglaublich, wie toll du unsere Kindheit und das ganze Leben „dort drüben“ umschreibst!

    1. Waren wird zu dem Zeitpunkt überhaupt schon befreundet? Eigentlich schon, oder?

      Mascha Schwetz, Dima Siwtschik und Diyora haben auch in der Bücherei gespielt. Vielleicht lag es an deiner Oma, dass du nicht mit durftest? 😀

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