Wie Mike Hanlon unwichtig wurde

Rassismus in Horrorfilmen

Wie Mike Hanlon unwichtig wurde

 

Schon seit geraumer Zeit überlege ich mir, ob und wie ich über das Thema Rassismus in Horrorfilmen schreiben soll. Letztendlich waren es Facebook-Postings des US-amerikanischen Horrorautors Wrath James White, die mich dazu bewegt haben, es doch zu tun. Folgendes schrieb der gute Mann:

„It kind of disturbs me that a Black History Month or a Women In Horror Month is even still necessary in 2018. Yet, sadly, even a casual perusal of most horror magazines, awards, and anthologies released in the past year proves they still are.“

„Irgendwie nervt es mich, dass im Jahre 2018 immer noch der Monat der schwarzen Geschichte oder der Monat der Frauen in Horror notwendig sind. Doch traurigerweise beweist der Blick auf die meisten Horrormagazine, Preise und Anthologien des letzten Jahres, dass dem so sei.“

„Why are Black History Month and Women in Horror Month the same damn month? And why are all these white dudes still crying about one or both of these celebrations? Need we remind you, once again, what the other eleven months look like?“

„Warum sind der Monat der schwarzen Geschichte und der Monat der Frauen in Horror ein und derselbe verdammte Monat? Und warum heulen all diese weißen Typen immer noch wegen der einen oder beiden dieser Feierlichkeiten?  Müssen wir euch schon wieder daran erinnern, wie die restlichen elf Monate des Jahres aussehen?“

Ja, wie schaut’s eigentlich aus mit den verbliebenen 11 Monaten im Jahr?

Es ist nichts Neues, dass die Horrorfilmbranche überwiegend weiß und männlich ist. Ebenso wenig ist es neu, dass die Schwarzen innerhalb der Horrorbranche ebenso gettoisiert werden wie in der gesamten restlichen Filmindustrie. Oder in der Literatur. Oder Kunst.

Dass ein Schwarzer/eine Schwarze in einem Horror-Slasher beinahe immer (zuerst) getötet wird, überrascht genauso wenig wie das Magical-Negro-Phänomen. Schwarze Charaktere bleiben oft unterentwickelt oder zu einseitig dargestellt.

Doch dann schimmert plötzlich die Hoffnung am Ende des Tunnels – die Neuverfilmung von Stephen Kings „Es“ kommt in die Kinos. Wer den Roman gelesen hat, weiß, dass die zentrale Figur der Erzählung Mike Hanlon ist – ein schwarzer Junge, der dem Club der Verlierer angehört. Die Geschichte von Mikes Familie ist eng mit der seiner Heimatstadt Derry verbunden und er ist derjenige, der den Verlierern das notwendige Wissen, um Es zu besiegen, verschafft. Nachdem die erste Schlacht gegen Es zu Ende ist, vergessen die Verlierer das Geschehene allmählich und verlassen Derry nach und nach aus unterschiedlichen Gründen. Mike ist der einzige, der bleibt. Er arbeitet als Bibliothekar, hält Stellung und wartet, bis das Böse zurückkehrt, um die anderen rechtzeitig zu informieren.

In der aktuellen „Es“-Verfilmung ist von der bewegenden Geschichte von Mikes Familie nichts zu sehen. Auch seine Charaktertiefe leidet unter Andrés Muschiettis Drehbucharbeit. Muschietti hat Mike Hanlon dezentralisiert, schlicht unwichtig gemacht. Es ist sogar so hart, dass ich zu behaupten wage, dass die Handlung des Films im Falle von Mikes gänzlichen Fehlen unbeeinflusst geblieben wäre.

Und das ist schade.

Muschiettis „Es“ hätte zu einem sozialpolitischen Statement des Horrorgenres werden können, wenn Mike Hanlons Potential nicht vergeudet worden wäre.

Vielleicht wird Mikes Rolle im zweiten Teil der Verfilmung gewichtiger ausfallen. Ich wünschte, es wäre so.

Ich wünsche, es gäbe mehr Charaktere wie Michonne aus „The Walking Dead“, Chris Washington aus „Get Out“, Lucas aus „Stranger Things“ oder Melanie aus „The Girl with All the Gifts“. Ich wünschte, wir könnten uns mit einem schwarzen Darsteller genauso gut identifizieren wie mit einem Weißen. Ich wünsche, ich müsste das hier im Jahre 2018 erst gar nicht schreiben.

 

 

2 thoughts on “Wie Mike Hanlon unwichtig wurde

  1. Oh gott, das ist so richtig was du schreibst. Die Tatsache das Mike Hanlon’s Charaktereigenschaften größtenteils und unnötigerweise auf Ben umgeschrieben wurden hat mich wahnsinnig geärgert. Ich hätte es lieber gesehen wenn man sich da an die Buchvorlage gehalten hätte, gerade weil ein so rassenhassender Egomane im Weißen Haus sitzt, wäre das mal ein tolles Statement geworden. Leider ist er nur wie du schon sagst, der Quotenschwarze….unheimlich enttäuschend.

    1. Ja, sehr schade.

      Und dabei ist Bens Figur an sich so unheimlich interessant wie eigentlich jeder der Verlierer. Auch Beverly wurde beinahe wie ein girly Girl dargestellt. Und dann noch diese Kuss-Szene mit Bill… Wozu das Ganze?

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