Weibliche Charaktere in den Werken von Stephen King

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Weibliche Charaktere in den Werken von Stephen King

 

In einem meiner früheren Beiträge schrieb ich über die in der Kinohorrorwelt herrschenden Frauenrollen-Klischees. Die traurige Wahrheit sieht so aus, dass die meisten Frauencharaktere des Horrorgenres einem einfach strukturierten Schubladendenken unterliegen. Dagegen erscheint einem die Gestaltung der weiblichen Charaktere im Stephen-King-Universum wie ein Schluck kristallklares Wasser nach einem tagelangen Marsch durch die Wüste.

Liz Garfield z. B. – die Mutter von Bobby Garfield aus der Novelle „Niedere Männer in gelben Mänteln“ ist eine meines Erachtens überaus interessante Figur. Nach dem Tod ihres Mannes, der sie auf einem Berg unbezahlter Rechnungen sitzen ließ, kämpft sie verbittert um ihr und Bobbys Wohlergehen. Mit Betonung auf ihr. Dabei schreckt sie nicht vor dubiösen Treffen mit ihrem Chef zurück und lässt keine Möglichkeit aus, ihren Sohn daran zu erinnern, dass sie es aufgrund der Hinterlassenschaft seines Vaters im Leben nicht leicht habe.

Zum Geburtstag bekommt Bobby von ihr einen Büchereiausweis für Erwachsene anstatt des gewünschten Fahrrads, weil das Leben nun mal nicht fair sei. Vielleicht aber auch deshalb, weil Liz sich neulich drei teure Kleider geleistet hat…

Überdies traue Liz nicht den Leuten über den Weg, die mit Papiertüten umziehen. Meine Güte, wie viel Kleinbürgerlichkeit und Snobismus stecken in jenen Worten! Ist es nicht herrlich, wie Sai King uns nur mit diesem einen Satz die gesamte Natur dieser Frau offenbart?

Ich denke, Liz Garfield ist eine Ermahnung an uns alle. Sie ist ein erhobener Zeigefinger, der uns davor bewahren soll, zu verbittern.

 

Zwei weitere erwähnungswürdige Frauen des King-Universums, die sich auf eine groteske Weise gegenseitig ergänzen, sind das Dienstmädchen Dolores Claiborne und ihre wohlhabende Arbeitgeberin Vera Donovan aus dem Buch „Dolores“.

Dolores ist eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen, deren ohnehin verbesserungsbedürftiges Familienleben vollkommen aus den Fugen gerät, nachdem sie feststellt, dass ihr Ehemann ihre gemeinsame Tochter sexuell missbraucht hat.

Vera Donovan lebt als reiche, pflegebedürftige Witwe zurückgezogen. Ihre Kinder kommen sie nach dem tragischen Tod ihres Mannes nicht mehr besuchen.

Die Beziehung dieser Frauen stellt den treibenden Motor der Geschichte dar. Es ist eine blutgefrierende Symbiose von Innigkeit, Hass und unausgesprochenem Verständnis zueinander. Vera tyrannisiert Dolores mit Vorliebe, hilft ihr jedoch, sobald Dolores ihr eines Tages unter Tränen die Geschichte ihres Lebens verrät.

Mit dem Satz:

drückt Vera Donovan den gesamten Inhalt der Story aus. Unglaublich starke Worte aus dem Mund einer unglaublich straken Frau.

Ich glaube, dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der eine Quelle der Lebenskraft sucht.

 

Faszinierend finde ich die Persönlichkeit (oder sagen wir lieber die Persönlichkeiten) von Susannah Dean aus Kings „Der dunkle Turm“-Epos.

Am Anfang wird sie als eine an multipler Persönlichkeitsstörung leidende Rollstuhlfahrerin Odetta Holmes gezeigt. Sie ist eine junge Frau aus gutem Hause – kultiviert und zartbesaitet. Doch manchmal wird aus Odetta Detta Walker – eine Diebin mit losem Mundwerk und asozialen Verhaltenszügen. Im Laufe der Geschichte verschmelzen Detta und Odetta in Susannah Dean, die die Qualitäten der beiden auf eine vorteilhafte Weise in sich vereint und dadurch zur Revolverfrau wird.

Das Namenspiel erinnert einen stark an Odette/Odile aus „Schwanensee“ und passt somit perfekt zur Protagonistin.

 

Trisha McFarland (Das Mädchen), Audrey Wyler (Regulator), Polly Chalmers (In einer kleinen Stadt), Beverly Marsh (Es), Rose Daniels (Rose Madder), Annie Wilkes (Sie) sind alles überwältigende weibliche Charaktere des King-Universums, die es wert sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Welche King-Damen findet ihr toll?

 

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