Warum schreibe ich ausgerechnet Grusel?

 

Warum wohl?

Was hättet Ihr denn für eine Wahl gehabt, wenn Eure Omas Euch vor dem Zubettgehen statt eines Schlaf-Kindlein-schlaf kosakische Kriegslieder vorgesungen hätte? Der Text eines davon lautet ins Deutsche übersetzt folgendermaßen:

Schwarzer Rabe, schwarzer Rabe,

Warum kreist du über mir?

Noch bekommst du keine Beute,

Ich gehöre noch nicht dir.

Ich verbinde meine Wunde

Mit dem mir geschenkten Tuch

Und danach werde ich mit dir

Nur über das Eine reden (beichten).

Bringe dieses blutige Tuch

Der, die ich liebe.

Sag ihr, sie sei von nun an frei –

Ich habe eine Andere geheiratet (den Tod).

Na, klingelt‘s?

Wie in einem der vorigen Beiträgen bereits erwähnt, las ich als Kind unheimlich gerne Märchen: Darunter auch chinesische, orientalische und japanische, die an Grausamkeiten nicht zu überbieten sind. Dagegen würden Euch die Grimm-Märchen mit ihren kinderfressenden Hexen oder Riesen wie eine FSK-6-Version von „Schweigen der Lämmer“ vorkommen.

Ein Beispiel gefällig?

Zitat aus dem Buch „Chinesische Märchen“ (übersetzt von Richard Wilhelm): „Die treuen Diener, die zu widersprechen wagten, wurden auf grausame Weise zu Tode gemartert. Man ließ sie glühende Öfen umarmen oder auf dünnen Stangen, die mit Fett bestrichen waren, über Gräben mit lohendem Feuer wandeln.“

Oder: „‘Ich will deine Haare ein bisschen kämmen‘, sprach der Panther. So ließ sich die Frau vom Panther die Haare kämmen. Wie er ihr aber mit seinen Krallen durch die Haare fuhr, da riss er ihr ein Stück Haut ab und fraß es.“

Und so etwas konnte ein Kind ungehindert in einer Bibliothek ausleihen!

Hier auch ein nettes Zitat aus „1001 Nacht“: „Als ich nun dem Vezier das Auge ausgeschossen hatte, konnte er mir kein Wort sagen, da mein Vater König war in der Stadt; aber er haßte mich hinfort, und grimmiger Groll erhob sich zwischen uns beiden. Und als ich nun so mit gebundenen Händen und gefesselt vor ihn geführt wurde, gab er stracks Befehl, mir das Haupt abzuschlagen.

Und ich fragte: ›Für welches Verbrechen bestimmst du mir den Tod?‹ Er aber erwiderte: ›Welches Verbrechen ist größer als dieses?‹ und er zeigte auf die Stelle, wo das Auge gesessen hatte. Ich aber sprach: ›Das war ein Unglück, nicht vorbedachte Bosheit‹; und er: ›Wenn es ein Unglück war, so will ich an dir das Gleiche mit Willen tun.‹ Und er rief: ›Führt ihn herbei!‹ und sie führten mich dicht vor ihn hin, und er stieß mir den Finger ins linke Auge und drückte es aus; so wurde ich einäugig, wie ihr mich seht. Und er ließ mich binden an Händen und Füßen und in eine Kiste legen, und sprach zum Träger seines Schwertes: ›Nimm diesen Burschen in deine Obhut und gehe mit ihm in das wüste Land vor der Stadt; dann ziehe das Schwert und töte ihn und laß ihn liegen, den Tieren und Vögeln zum Fraß.‹“

FSK, Parental Advisory, Jugendschutzgesetz hin oder her – der wahre Sumpf des Bösen steckt meistens dort, wohin das wachsame Auge der Zensur nicht reicht.

Werfen Sie einen Blick auf die Märchen von Hans Christian Andersen. Was sehen Sie? Ganz genau: Ein depressives, von suizidalen Tendenzen durchzogenes Weltbild. Legenden und Mythen der griechischen Antike – nichts als Pornographie, Horror, Splatter. Alleine die Geschichte von Prometheus lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. „Alice im Wunderland“ – Drogenverherrlichung, Gewalt (Kopf ab!).

Wenn man ein Kind ist, nimmt man diese ganze Barbarei zum Glück nicht sehr nah zum Herzen. Ansonsten wüsste ich nicht, warum ich nicht spätestens nach der 3. Klasse in der Klapse gelandet bin. Wahrscheinlich gibt es irgendwo einen barmherzigen Gott, der Kinder vor möglichen psychischen Traumata, ausgelöst durch solche Erzählungen, schützt.

Ich war 12, als ich auf dem Lehrerpult meiner Englischlehrerin ein Taschenbuch mit dem mysteriösen Titel „Langoliers“ von Stephen King erspähte.

Ich fragte sie, worum es darin gehe und sie erzählte mir, dass die Geschichte eine Zeitreise in die nahe Vergangenheit beschreibe. Wie es sich herausstellte, hatte sie ziemlich untertrieben.

Schon am selben Nachmittag bin ich in die große Stadtbücherei gegangen, in der Hoffnung, das Buch dort ausleihen zu können. Dies ging leider nach hinten los: Zum letzten Mal bekam die Bibliothek eine frische Bücherlieferung im Jahre 1987 (danke dir, Perestroika!) und den Namen Stephen King hatte die Bibliothekarin noch nie in ihrem Leben gehört.

Entrüstet stampfte ich davon.

Am nächsten Tag in der Schule fragte ich meine Englischlehrerin, ob vielleicht sie mir das Buch leihen könne. Sie sagte, das Buch sei nicht ihr Eigentum und dass sie es selbst aus einem kostenpflichtigen Buchverleih habe und es bereits gestern Abend zurückbrachte. Ich erkundigte mich, wo dieses Etablissement sich befinde und suchte es direkt nach der Schule auf.

Der Betreiber des Verleihs entpuppte sich als ein gieriger Widerling, der 50 So‘m für einen Lesetag verlangte, was für mich damals ein Drittel meines monatlichen Taschengeldes betrug (umgerechnet ca. 0,45 Euro. Einem Deutschen mag es als ein Klacks erscheinen, ist für die damaligen usbekischen Verhältnisse jedoch kein so kleines Geld gewesen) und mich vor die Wahl zwischen einem FIFA-Stickeralbum und dem Lesevergnügen stellte.

Ich bereue es bis heute nicht, damals das Zweite ausgesucht zu haben.

Es war ein Donnerstag, und da ich am nächsten Tag Schule hatte, musste ich Gas geben. Um das Buch fertigzulesen, hatte ich 6-7 Stunden. An Hausaufgaben war natürlich nicht mehr zu denken. Ich kam nach Hause, verbarrikadierte mich in meinem Zimmer und las.

Es war eine Liebe auf den ersten Blick – entsetzlich, furchteinflößend, faszinierend!

Sai King ist für mich bis heute eine unschlagbare Nummer-Eins des Grusels. Seine Werke bescherten mir unzählige schlaflose Nächte, ängstliche Klobesuche, eine Coulrophobie und jede Menge Spaß.

Somit wäre die Frage des von mir gewählten Genres, denke ich, geklärt.

Ich danke Euch für die Aufmerksamkeit, macht’s gut und bis zum nächsten Beitrag

 

Eure Schauerfee

4 thoughts on “Warum schreibe ich ausgerechnet Grusel?

  1. Oh ja, Märchen können so grausam sein 🙂 Ich höre die Tage als Hörbuch die Märchen der Brüder Grimm … Tanz in glühenden Schuhen, ausgepickte Augen, abgehackte Zehen und Fersen, da geht es heiß her 😀

    Manchmal lese ich auch gerne Horror, wenn er intelligent gemacht ist, was auf King auf jeden Fall zutrifft. Nur mit dem literarischen Pendant zu Splatterfilmen kann ich nicht viel anfangen.

    Liebe Grüße

    Claudia

  2. Mir fiel neulich auch ein sehr „tolles“ russisches Lied ein, dass uns als Kinder gern – auch zum Einschlafen – vorgesungen wurde:
    „Eins ihrer Beine war kürzer ala das andere,
    Dieses andere war aus Holz,
    Einmal wachte ich mitten in der Nacht auf:
    ‚Mutter, warum hattest du mich geboren?'“
    Horror pur!

    Oder das klassischste Einschlaflied überhaupt:
    „Leg dich nicht auf die Bettkante, sonst kommt ein Wolf und beißt in deine Seite…“
    Manchmal frage ich mich, wie wir das ohne nennenswette Schäden überstanden hatten.

    1. Boahh, das mit dem Wolf war echt Terror pur!

      Ich hatte sogar Alpträume davon! Der Wolf aus jenen Träumen stellte eine furchterregende Mischung aus einem Echten und dem aus „Nu, pogodi!“ dar. Voll krass!

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