Von Meerjungfrauen und Wassergeistern

Schauerfees Bestiarium

Von Meerjungfrauen und Wassergeistern

 

Letzte Woche habe ich mich dem Thema Hexen beschäftigt. Im heutigen Beitrag erzähle ich euch über Meerjungfrauen.

Was haben derlei niedliche Wesen wie Meerjungfrauen in einem Horrorblog zu suchen? Naja, so niedlich sind sie gar nicht. Vergesst das Märchen von Hans Christian Andersen! Meerjungfrauen sind nicht selten listig und mordlustig, was sie zu einem perfekten Thema für das hiesige Blog macht.

Die ersten Erwähnungen von menschenartigen Wasserkreaturen gehen zurück ins Altbabylonische Reich. Oannes – ein Mischwesen mit einem menschlichen Oberkörper und einem Fischschwanz galt dort als Kultur- und Wissenschaftsbringer. Seine weiblichen Verwandten sind die syrische Meeresgöttin Atargatis (auch Göttin des Mondes und Fischfangs) und Derketo – die Hauptgöttin von Askalon (heut. Israel).

Derketo wird wie eine Jungfrau mit dem Unterkörper eines Fisches dargestellt. Die bildliche Darstellung von Atargatis ähnelt der von Derketo. Beide Göttinnen werden in einigen historischen Quellen gleichgestellt, nur, dass die zum Kult von Atargatis gehörende rituelle Kastration nicht mit Derketo in Verbindung gebracht wird.

Altgriechische Sirenen, die die Seefahrer mit ihrem zauberhaften Gesang anlockten, sodass sie hypnotisiert ihre Schiffe gegen die Felsen steuerten, beschrieb man anfangs als Vögel mit Frauenköpfen. Später jedoch bekamen sie Fischschwänze.

Sirenen fanden nachfolgend eine weite Verbreitung in der westeuropäischen Mythologie und Märchenwelt. Des Öfteren wurden sie in französischen Kunstmärchen der XVII-XVIII Jahrhunderten erwähnt.

Antoine Hamilton (1646 – 21 April 1720), der für die parodischen Europäisierungen von Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ bekannt ist, flocht nahtlos die für den islamischen Lebensraum untypische Gestalt einer Sirene (Wasserfee) in eine seiner Adaptionen hinein. Dort präsentiert er die majestätische Sirene als eine weise Magierin, die unter Wasser lebt, jedoch durchaus in der Lage ist, sich mühelos in der Welt der Normalsterblichen zu bewegen.

Im russischen Norden hört man immer von meerjungfrauenähnlichen Kreaturen namens Pharaonen. Diese Legende basiert auf dem biblischen Sujet über Moses und das Jüdische Volk, die durch das Meer von Ägyptern flohen. Pharaonen sind demzufolge die die Juden verfolgenden ägyptischen Soldaten, die im Wasser des Roten Meeres ihren Tod fanden und zu Mischwesen wurden.

Pharaonen werden entweder als klassische Meerjungfrauen beschrieben oder auch als kleine, im Wasser lebende Männlein oder als winzige Fische mit menschlichen Gesichtern.

Nachgesagt wird ihnen, sie locken unvorsichtige Fischer ins Wasser und nehmen sie mit in ihr Reich, wo sie mit der Zeit selbst zu Pharaonen werden.

Ein weiteres in russischer Folklore häufig erwähntes Wasserwesen ist Rusalka. Ursprünglich ist Rusalka eine Nymphe – ein weiblicher Geist der Natur, anzutreffen im Wald oder am Wasser. Später jedoch verbreitet sich der Glaube, Rusalka sei eine Wasserkreatur, ein ruheloser Geist einer ertrunkenen Frau.

Rusalka darf aber dennoch nicht als slawisches Äquivalent einer westeuropäischen Meerjungfrau verstanden werden, denn sie hat keinen Fischschwanz und ist somit kein Mischwesen.

Zumeist werden Rusalkas als beinahe durchsichtige, anmutige weibliche Gestalten mit grünem Haar beschrieben. Mancherorts behauptet man jedoch, sie seien alt, hässlich und mit einem riesenhaften Busen.

Die Natur einer Rusalka ist überwiegend boshaft. Sie verführen Männer und ertränken sie sodann oder kitzeln einen so lange aus, bis derjenige tot umfällt. Um den Verführungskünsten einer Rusalka zu widerstehen, darf man ihr unter keinen Umständen in die Augen schauen.

Doch immer wieder sind Rusalkas in der Lage, edel zu handeln. Sie lieben Kinder und helfen ihnen, wenn diese sich im Wald verirren, den Weg nach Hause zu finden.

Merrows sind ähnlich wie Rusalkas bösartige Wassergeister in Irland. Die weiblichen Merrows sind unwiderstehlich schön. Vor einem Sturm erscheinen sie an der Wasseroberfläche als böses Omen und verhalten sich ähnlich wie die griechischen Sirenen. Ansonsten sind sie menschenscheu und zeigen sich nur selten. Immer wieder verlieben sie sich in sterbliche Fischer und bringen sie dazu, mit ihnen im Wasser zu leben.

Die männlichen Merrows besitzen ein hässliches Äußeres, sind aber weit zahmer und liebenswürdiger als ihre weiblichen Artgenossen.

In der deutschen Legende von Loreley handelt es ich ebenso um einen weiblichen Wassergeist, der in den Wassern von Rhein lebt und wie eine Sirene die vorbeifahrenden Schiffe anlockt, sodass sie gegen die Felsen prallen.

Auch im Ramayana tauchen Meerjungfrauen auf. Wie z. B. in der Legende von Suvannamaccha. In der Legende handelt es sich um Hanuman (eine hinduistische Gottheit mit der Gestalt eines Affen), der einen Damm von Indien nach Sri Lanka errichten muss, um die entführte Ehefrau RamasSita – zu retten. Als Hanuman und seine Helfer mit den Bauarbeiten anfangen, merken sie, dass jemand ihnen sie Steine stiehlt und den Prozess somit behindert.

Es stellt sich heraus, dass es ein Werk von Meerjungfrauen ist. Sie wollen Hanuman daran hindern, Sita zu retten. Hanuman und seine Männer attackieren die Meerjungfrauen, können sie aber nicht besiegen. Es kommt zu vielen weiteren Kämpfen, die alle nichts bringen.

Letztendlich verliebt sich Hanuman in die Meerjungfrauenprinzessin Suvannamaccha. Sie vereinen sich im Unterwasserreich und schon bald erfährt Hanuman, dass Suvannamaccha die Tochter von Ravana, einem Dämon und Feind Ramas, ist. Hanuman redet auf sie ein und bittet sie, ihn im Kampf gegen ihren Vater zu unterstützen, was sie schließlich auch tut. So ein typisches „Game of Thrones“-Szenario…

Japanische Ningyo wird von vielen Mythologie-Experten für das Äquivalent einer Meerjungfrau gehalten.

Ningyo hat einen affenähnlichen Kopf, kleine, scharfe Zähne und einen Fischschwanz. Eine Ningyo zu fangen und ihr Fleisch zu essen, soll Unsterblichkeit verleihen, bringt aber auch Unglück. Wenn eine Ningyo an den Strand gespült wird, ist das ein böses Omen, das Krieg und Naturkatastrophen bedeutet.

 

 

 

 

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