Twin Peaks: wie ein einziger Tag

Was bisher geschah

Twin Peaks: wie ein einziger Tag

Achtung: SPOILER!!!

 

Ich wollte nicht über die neue Twin-Peaks-Staffel schreiben. Warum, fragt ihr? Weil alles, was man darüber schreiben könnte, nicht einmal ansatzweise in der Lage wäre, das wiederzugeben, was dort vor sich geht. Dennoch habe ich Mitteilungsbedarf. Er ist stärker als ich.

Aufgrund meines Alters tauchte ich in die Welt von Twin Peaks erst im Jahre 1998 ein. Ich war dreizehn und hatte im Schrank meiner Mutter ein Buch entdeckt. Ein Buch mit einem blonden Mädchen auf dem Deckel. Ein Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens und ich konnte nicht mit Sicherheit erkennen, ob es ein fröhliches oder ein erzwungenes Lächeln gewesen war. Auf dem Kopf trug das Mädchen eine Krone. „Pfff“, dachte ich, „eine weitere Liebesgeschichte, die kein Mensch braucht!“ Nichtsdestotrotz habe ich das Buch aufgeschlagen und fing an, darin zu lesen. Es handelte sich um Tagebuchnotizen, die viel zu düster schienen, um einer einfachen Liebesgeschichte zugeordnet zu sein. Ich las weiter und je mehr ich las, desto weniger verstand ich. Aber ich wollte verstehen, ich wollte unbedingt dem Mysterium auf die Spur kommen. Dann betrat meine Mutter das Zimmer und erwischte mich mit dem Buch. Sie sagte, ich solle es weglegen, weil ich noch zu jung dafür sei. Schweren Herzens tat ich wie geheißen, in fester Entschlossenheit, die Geschichte am nächsten Tag, sobald ich allein zu Hause gewesen wäre, weiter zu lesen. Doch zu meiner Enttäuschung war das Buch am Tag darauf spurlos aus dem Schrank verschwunden.

Zu spät. Ich war bereits angefixt.

Es hatte nicht lange gedauert, bis ich herausfand, dass das Buch nur die Begleiterscheinung einer Serie gewesen war. Und diese Serie hatte es in sich! Ich verliebte mich restlos und unwiderruflich in ihre teils absurde, teils erschreckende, dennoch stets aufregende Welt.

Ende der Vorgeschichte.

Zurück ins Hier und Jetzt.

Twin Peaks ist schon früher nicht jedermanns Sache gewesen: have it or hate it! Diese Machart haben David Lynch und Mark Frost bis heute beibehalten. Twin Peaks ist immer noch surrealistisch wie eh und je: so, als seien einige Szenen den Werken von Renè Magritte entsprungen. Lynchs Schwäche für Damen mit Kurzhaarfrisuren ist auch nach wie vor da. Ebenso wie die ständig zum Rätselraten verleitende Handlung, die mit jeder Episode mehr Fragen aufwirft, als beantwortet.

25 Jahre sind viel Zeit. Für mich waren das allerdings nur 19. Und es ist ein merkwürdiges Gefühl, diejenigen, die im Museum deiner Erinnerungen mit ewiger Jugend gesegnet zu sein schienen, plötzlich um 25 Jahre gealtert zu sehen.

Da ist Deputy Hawk mit schneeweißer Mähne, der trotz seines stabilen Körperbaus gebrechlich wirkt. Und Bobby, der auf einmal so reif und solide daherkommt. Andy und Lucy, die verheiratet sind und einen erwachsenen Sohn haben. Es wirkt wie ein Klassentreffen 25 Jahre nach dem Abiball. Es ist anrührend und erschreckend zugleich, was die Zeit mit Menschen anstellt.

Und da ist noch jemand! Er sitzt in einem großzügigen Sessel, der in einem Raum mit roten Vorhängen steht, und unterhält sich mit einem Riesen, mit einem Einarmigen und mit einer blonden Frau, die ihr Gesicht abnimmt. Hinter diesem Gesicht ist nur Licht zu sehen – unerträglich hell und nicht von dieser Welt. Die blonde Frau erlaubt dem Mann im Sessel, zu gehen.

Ja, Agent Cooper darf endlich gehen. Doch schon bald erhält er eine düstere Warnung: Wenn du dort ankommst, bist du bereits dort.

Nach 25 Jahren kehrt Dale Cooper zurück in die hiesige Welt, wo alles aus Dreck, Verbrechen und Gewalt zu bestehen scheint. In die Welt, in der sein böser Doppelgänger es schafft, sich der Macht seines Schöpfers (wer auch immer er sein mag) zu widersetzen und seinem Schicksal zu entkommen. Unheil liegt in der Luft und es ist kein Wunder, dass Agent Cooper (Dougie Jones) zurück ins Kindliche fällt, um der grausamen Realität zu entwischen. Er versteckt sich regelrecht in einer Hülle aus Hilflosigkeit und Starre. Ihn so zu sehen, bringt mich beinahe zum Weinen. Am liebsten möchte ich ihm zurufen, dass er aufwachen soll, ihn kräftig schütteln, damit er seinen Zufluchtsort verlässt und wieder der wird, der er einmal war.

Lynch bleibt seinen Idealen treu und zeigt erneut Menschen, die allesamt unglücklich sind. Sie alle tragen eine tiefe Traurigkeit in sich: Norma, Sarah Palmer, Shelly, Dr. Jacoby, Ben Horne… Nur Andy und Lucy erwecken den Verdacht, ein zufriedenes Leben zu führen, was möglicherweise nur daran liegt, dass sie beide nicht alle Tassen im Schrank haben.

„Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen“, sagte der Riese einst. Doch auch er selbst ist nicht das, was er scheint. Er ist viel mehr. Auch Laura Palmer ist es.

Nichts ist so, wie es sein sollte und alles ist fest miteinander verwachsen.

Ein Hoch auf Twin Peaks!

 

2 thoughts on “Twin Peaks: wie ein einziger Tag

  1. Echt? Lynch steht auf kurzhaarige Frauen? Da ist Chrysta Bell wohl eine Ausnahme. Bei ihr hoffe ich vor allem, dass das so im Drehbuch steht, dass die so affektiert und „over acting“ agieren soll. Ich finde die so furchtbar. Passt gar nicht zu der Figur, die ja eigentlich das Dossier (in „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ Mark Frost) bearbeitet haben soll. Da wäre Laura Dern passender gewesen. Aber Diane in echt ist schon geil.

    1. Ob er auf sie in seinem Privatleben steht, weiß ich nicht. In Twin Peaks jedoch ist die Schwäche sehr offensichtlich. Staffel 1 und 2: Audrey, Donna, Josie, Harriet, Catherine und die junge Ehefrau des Bürgermeisters. Staffel drei (bis Episode 11): Audrey, Diane, Mrs. Briggs, Janey-E, Ronette und die drei Blondinen aus dem Casino. Schon auffällig viele kurzhaarige Frauen und die meisten davon atemberaubend schön.

      Im Vergleich zu Diane sieht Tammy ziemlich blass aus.

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