Mutter-Vater-Kind-Horror

Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen

Mutter-Vater-Kind-Horror

 

Horrorfilme, in denen es um komplizierte Eltern-Kind-Verhältnisse geht, sind vielleicht das exakteste Spiegelbild unserer Gesellschaft. Sie sind das lästige Gegengewicht zu der heilen Welt aus den Elternratgebern. Vielleicht das einzige Filmgenre, das Eltern das Unperfektsein in solchem Ausmaß erlaubt. Versagen, Müdigkeit, Wut – all das sind Gefühle, die jeder Elternteil kennt, sie aber selten zur Sprache bringt. In folgenden Filmen sind all jene Emotionen wunderbar kreativ und erschreckend in Szene gesetzt worden.

Als Paradebeispiel dafür nenne ich den Streifen Der Babadook.

Verwitwete Amelia lebt mit ihrem Sohn Samuel allein. Der Junge legt ein extrem gestörtes Verhalten an den Tag. Während Amelia an einer Schlafstörung leidet und ständig unter Strom steht, um ihrer Mutterrolle gerecht zu werden, macht Samuels Art ihr Leben zunehmend unerträglicher.

In diesem Film spürt der Zuschauer den ganzen sozialen Druck, der auf einer alleinerziehenden Mutter lastet, die Ungerechtigkeit und den alltäglichen Kampf, aus dem Wenigen, das da ist, das Beste herauszuholen.

Für ihre Umgebung ist Amelia eine dysfunktionale Mutter; eine, die nicht in der Lage ist, das standardisierte Gesellschaftsbild einer Frau mit Kind abzugeben. Überdies raubt Samuels Verhalten Amelia jegliche Möglichkeit, ein erfülltes Sexualleben zu führen, wodurch ihre Psyche enorm leidet.

Somit ist die Figur von Babadook ein Ausdruck ihrer Frustration und Einsamkeit. Babadook taucht in ihrem Leben in jenem Moment, in dem sie von den Zweifeln an ihrem Willen, Mutter zu sein, geplagt wird, auf. Dass Babadook männliche Züge besitzt, hat mit dem Fehlen einer männlichen Figur in der Familie sowie mit der Trauer um ihren verstorbenen Ehemann zu tun.

 

Ein weiteres Horror-Beispiel einer alleinstehenden Mami unter Druck ist Grace Stewart aus The Others.

Grace ist eine totalitäre Helikopter-Mutter, deren einzige Lebenserfüllung darin besteht, nur das Beste für ihre Kinder zu wollen.

»Ich glaube, dass Eltern den Sinn ihrer erzieherischen Gewalt teilweise darin sehen, ihre Kinder umzubringen.« Stephen King.

Und ja, ich glaube, dass es wirklich so ist. Wir bringen sie mit unserer steten Fürsorge und Aufmerksamkeit um. So, wie Grace, die ihr Haus zu einem liebevollen Gefängnis umfunktioniert, um den Verlust ihres Ehemannes zu verdrängen und ihre Kinder vor der feindlichen Außenwelt zu beschützen. Die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, ist in Grace derlei stark ausgeprägt, dass sie aus ihr kontinuierlich ein Monster macht. Ihre Unsicherheiten und Zwänge projiziert sie erfolgreich auf ihre Kinder, deren Benehmen dadurch verstörende Züge aufweist.

 

In Carrie erlebt der Zuschauer eine religiös-wahnsinnige Mutter Margaret, die die Zeugung sowie die Geburt ihrer Tochter Carrie als Sünde betrachtet und nicht in das normale Muttersein findet. Carrie wird mit drastischen Methoden erzogen, lebt ständig mit den ihr eingeredeten Schuldgefühlen und der Gewissheit, völlig isoliert zu sein.

Das obsessiv-ablehnende Verhalten der Mutter zeugt gleichzeitig von ihrer bitteren Trauer um Carries verstorbenen Vater und der Liebe, die sie zu ihrem Kind verspürt, sie aber nicht zu kanalisieren weiß.

Sie versucht trotz der Belastung des Allein- und Mutterseins ihren eigenen Lebensweg zu finden, wird dabei jedoch von ihrem ungesunden Verhältnis zu Gott gehindert.

Als Carrie versucht, sich abzunabeln und so gut wie es geht normalen Teenie-Aktivitäten nachzugehen, gerät Margarets Wahn aus den Fugen und macht sie zu einer mörderischen Furie.

In Hide an Seek geht es um eine verstörende Vater-Tochter-Beziehung. Im Film wird bewusst mit dem Klischee gespielt, Väter seien außerstande, sich um ihre Kinder allein zu kümmern. Unsicherheiten, öffentliche Meinung und innere Zerrissenheit sind die Leitmotive der Handlung.

Nach dem Suizid seiner Ehefrau zieht Psychologe David Callaway mit seiner schwer traumatisierten Tochter Emily aufs Land, um ihr eine Chance zu geben, sich von dem Trauma zu erholen.

Es fällt ihm schwer, sich der Rolle eines alleinerziehenden Vaters anzupassen. Der imaginäre Freund seiner Tochter namens Charlie macht ihm diese Aufgabe nicht einfacher. Charlie ist zerstörerisch und boshaft.

Als David eine Frau kennenlernt, die er gernhat, wird Emily eifersüchtig. Kurz darauf wird die Katze dieser Frau in einer Badewanne ertränkt aufgefunden. Nachdem David seine Tochter beschuldigt, beteuert sie vehement, es sei Charlie gewesen.

Auch die Frau selbst fällt bald Charlie zum Opfer.

Nach und nach stellt sich heraus, dass Charlie eine zweite Persönlichkeit Davids ist. Und es ist auch er gewesen, der den Tod von Emilys Mutter zu verantworten hat.

Einsamkeit, Unfähigkeit, nach dem Verlust eines geliebten Menschen eine andere funktionierende Beziehung einzugehen, innere Gespaltenheit und Eifersucht – das sind die Lasten, mit denen wohl viele Alleinerziehende kämpfen. Auch Väter sind davon betroffen.

The Tall Man – Angst hat viele Gesichter behandelt das Problem des elterlichen Versagens einer ganzen sozialen Gruppe.

Cold Rock ist eine kleine und früher wirtschaftlich florierende Stadt in Washington. Doch nachdem die lokale Bergbaumiene geschlossen wird und etliche Einwohner ihre Jobs verlieren, macht sich in der Stadt eine deprimierende Stimmung breit. Armut, soziale Kälte und Verzweiflung bestimmen nun über die Leben der Menschen.

Diese Situation wird durch das Auftauchen von einer übernatürlichen Kreatur namens Tall Man auf den Höhepunkt getrieben. Tall Man entführt die Kinder der Einwohner. Kinder, die vernachlässigt oder der Gewalt ausgesetzt sind. Die ohnehin verlorenen Kinder.

Hier symbolisiert Tall Man die Angst, das eigene erzieherische Versagen zu akzeptieren. Die Menschen in Cold Rock sind aufgrund der gegebenen Umstände eher bereit, einer urbanen Legende Glauben zu schenken, als zu realisieren, dass sie und nur sie die Verantwortung für ihre Kinder tragen.

Den Film kann ich jedem nur wärmstens empfehlen.

 

 

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