Horror in klassischer Literatur

Horror in klassischer Literatur

Horror in klassischer Literatur oder: Auf den Spuren von Dante

Was heutzutage von vielen als niedere Kunstform gehandhabt wird, war zu seiner Zeit so salontauglich wie heute die Romane von Ildikò von Kürthy und zählt auch jetzt noch zu den Allzeitklassikern der Wortkunst.

Mehr noch: horror

Werfen wir einen Blick auf das Urgestein der Dichtung – Dante Alighieri (1265-1321) und seine Göttliche Komödie.

Der Protagonist unternimmt am Karfreitag eine Jenseitswanderung. Begleitet vom Geist eines toten Poeten, steigt er in die Hölle ab, wo er nach und nach mit allen tödlichen Sünden konfrontiert wird und sich die Qualen derer, die für immer ihr Dasein dort unten fristen müssen, mit ansehen muss.

Wenn das kein Horror ist!

Ich glaube, man muss nicht einmal sehr sensibel sein, um von den infernalischen Gesängen Dantes eine Gänsehaut nach der anderen zu bekommen.

Wir schreiten zum Klassiker der russisch-ukrainischen Literatur, Nikolai Gogol (1809-1852), dessen monumentale Werke in jeder postsowjetischen Schule behandelt, aber auch weltweit mit Bewunderung und Anerkennung honoriert werden.

In seinem Erzählband „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ spricht der Autor in einer sehr poetischen aber auch witzigen und gleichzeitig düsteren Manier über Wassergeister, Hexen, Teufel, die alle nahtlos in den Alltag der ukrainischen Dörfer integriert werden und somit real erscheinen.

In Gogols Erzählung „Der Wij“ aus dem Erzählband „Mirgorod“ hält ein Student drei Tage lang Wache in der Kirche am Sarg der neulich verstorbenen Gutsherrntochter, die sich als eine Hexe entpuppt. Die Hexe steigt in jeder der drei Nächte aus ihrem Sarg und versucht den Studenten zu packen, fliegt in ihrem Sarg durch die Kirche, beschwört Dämonen und Geister…

Niedere Kunst, was?

Michail Bulgakow (1891-1940), der russisch-sowjetische Schriftsteller und Satiriker, widmete sich mit Hingabe der gruseligen Seite des Lebens.

In seinem bekanntesten Werk „Der Meister und Margarita“ ließ er sich von Goethes „Faust“ inspirieren. Es ist ein phantasmagorisch-satirischer Roman, der zum einen auf einem biblischen Sujet fußt und sich zum anderen im sowjetischen Moskau abspielt. Dabei werden die beiden Motive am Ende des Romans zusammengeführt und verschmelzen harmonisch miteinander, um dem Leser ein großes und erschütterndes Finale anzubieten.

Stellenweise wirkt das Geschriebene sehr makaber, düster.

Der Antagonist, der letztendlich keiner ist, heißt Woland und ist niemand Geringerer als Satan, der zu einem bestimmten Zweck nach Moskau kommt. Zu seiner Begleitung gehören Asasello (Azazel – der Wüstendämon in der Mythologie), Behemoth – halb Kater, halb Mensch, Gella, die vampirartige Hexe, Abaddon, der Todesengel und Korowjew-Fagott.

Mit so einem Gefolge kann es doch nur horrormäßig zugehen, nicht wahr?

„Das Bildnis des Dorian Grey“ von Oscar Wilde, „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson, „Die Satanischen Verse“ von Salman Rushdie, „Die Familie des Wurdalak“ oder „Der Vampir“ von Alexey Tolstoy usw. – das alles sind hervorragende Beispiele für die Alltagstauglichkeit des Horrors.

Es bleibt nur abzuwarten, ob die deutschen Verlage das eines Tages auch verinnerlichen und endlich beginnen, Horrorautoren ernst zu nehmen.

 

4 thoughts on “Horror in klassischer Literatur

  1. Horror ist ein radikales Gegenprogramm gegen die Aufklärung und die Moderne und hat es darum schon immer schwerer gehabt als andere Genres. Im Krimi bringt der Detektiv oder die Polizei Licht ins Dunkel und lehrt das Publikum, daß sich Verbrechen nicht auszahlt. In der Fantasy bezwingen die Helden ihre Gegner durch eine Kombination von Hirnschmalz und Muskeln. Im Horor hingegen nützt das alles nichts und auf Gott ist auch kein Verlass mehr. Wenn dieser generelle Pessimismus dann auch noch mit wenig ziviliserten Sex- und Gewalteinlagen garniert wird, ist der Skandal komplett
    Ich weiß nicht, wie das heute im Unterricht ist, aber zu meiner Schulzeit merkte man ziemlich deutlich, daß den Lehrern sogar die übernatürlichen Elemente in den Klassikern ein wenig peinlich waren. So als ob Faust oder Macbeth ohne Hexen und anderen Hokuspokus viel besser wären. Das wurde dann als Verdeutlichung der emotionalen Zerrüttung der Hauptfigur wegerklärt und danach schnell wieder am Reimschema herumgedoktert. Und daß Shakespeare mit „Titus Andronicus“ eine echte Splattergranate im Programm hat, wurde sowieso nicht erwähnt.
    Meiner Ansicht nach ist aber gerade die ständige Diskussion um die eher plakativ-vordergründigen Gewaltpassagen nur vorgeschoben, weil es ja um eine grundlegende Erschütterung der „heilen Welt“, also gewissermaßen der momentan herrschenden Ideologie (Einkaufen und immer brav die Steuern zahlen) geht, die sich beim tatsächlichen Auftauchen von Cthulhu oder auch nur wenn einem ein Irrer mit ner Axt gegenübersteht, schnell als schlechter Witz erweist. Wobei King, Koontz, Anne Rice usw. vermutlich den Vorteil haben, daß die Leute seit den 60ern Esoterik und solchen Dingen wieder ein klein wenig aufgeschlossener gegenüberstehen. Davor waren Horrorschriftsteller ja meistens arm wie die Kirchenmäuse und auf die Veröffentlichung in schmierigen Magazinen angewiesen.

    1. In meiner Schule war es auch nicht anders. Meine Literaturlehrerin – eine ältere Dame, die zugegeben unglaublich kompetent und liebevoll mit ihrem Fach umging – hatte jegliche Versuche meinerseits, die Fragen zu den übernatürlichen, düsteren Komponenten in klassischen Werken doch noch beantwortet zu bekommen, stets mit einer stoischen Kontinuität ignorierte.

      „Horror ist ein radikales Gegenprogramm gegen die Aufklärung und die Moderne…“ ist ein sehr guter Gedanke. Ebenso wie dieser: „Im Horor hingegen nützt das alles nichts und auf Gott ist auch kein Verlass mehr.“

  2. Sehr erhellender Einblick! Ich als Horrorfan sollte mir diese Klassiker wirklich einmal zu Gemüte führen, um meinem Titel auch gerecht zu werden! ^^“ Bleibt nur die Frage, warum das Horror-Genre irgendwann so unterschätzt wurde. Liegt es an der sinkenden Qualität von Veröffentlichungen in diesem Genre?

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