Hexen: damals und heute

Mythos und Realität

Hexen: damals und heute

 

Hexen sind in der modernen Kulturlandschaft fest verwurzelt (glücklicherweise nicht auf die verhängnisvolle Art, wie sie es in der Frühen Neuzeit gewesen sind). Von Hexe Lilli bis Hermine, von „Blair Witch Project“ bis „Die Autopsie von Jane Doe“, vom Kartenlegen bis Voodoo-Zauber – all das stellt heute den Ausdruck der alten Faszination, die uns gleichermaßen erschreckt und beeindruckt, dar.

Doch wo kommt sie eigentlich her?

In historischen Überlieferungen so gut wie jeder Volksgruppe findet man Erwähnungen von Hexen: Frauen, die über magische Kräfte verfügen, in der Lage sind, das Wetter zu beschwören oder einen Schadenzauber auszuführen. Beschrieben werden die Hexen zumeist als faltige, hakennasige Vetteln, ausgestattet mit streitsüchtiger, nachtragender Natur.

Des Öfteren wird betont, dass Hexen sehr wohl dazu befähigt sind, bei Bedarf die Gestalt einer jungen, attraktiven Frau anzunehmen, um ihre Mitmenschen somit in die Irre zu führen.

Besonders häufig kommt diese Vorgehensweise in französischen Märchen zum Vorschein. Dort fungieren Hexen (böse Feen genannt) als lüsterne alte Weiber, von Hässlichkeit gezeichnet, die Gefallen daran finden, attraktive junge Männer (vorwiegend königlicher Abstammung) zu belästigen und sie zur Heirat zu zwingen. Um das Gewünschte zu bekommen, verwandeln sich die Hexen in reizende Mädchen. Doch früher oder später decken die Objekte ihrer Begierde den Trug auf und werden mit unangenehmen Konsequenzen konfrontiert.

Und was gehört noch so alles zum Hexenwerk?

Als hexentypische Beschäftigungen galten/gelten

  • Wahrsagen/Zukunft vorhersehen
  • Pakt mit dem Teufel (seit der Frühen Neuzeit)
  • Menschen- oder Kinderfressen
  • Zubereiten von Zaubertränken zu unterschiedlichen Zwecken
  • Teilnahme an dunklen Ritualen (oft sexueller Natur)
  • Fliegen durch die Luft
  • Schadenzauber
  • Manipulieren des Wetters

Diese Merkmale sind weltweit in schriftlichen Quellen vorzufinden und zeigen deutlich, dass Hexen als eine Art Projektion der menschlichen Ängste dienen.

In Altrussland unterteilte man Hexen in zwei Kategorien:

  • Hexen, die ihre Zauberkräfte von Geburt an besaßen
  • Hexen, die das Zaubern gelernt hatten

Die ersteren waren meist die siebtgeborenen Töchter aus Familien, in welchen nur Mädchen zur Welt kamen, unverheiratete Jungfrauen in dritter Generation oder ganz simpel Hexentöchter. Die Hexen der zweiten Kategorie hatten ihr Handwerk von den anderen Hexen, Dämonen oder Satan höchstpersönlich gelernt.

Es wurde angenommen, dass die gelernten Hexen das schlimmere Übel darstellten. Denn, wenn die gebürtigen Hexen ihre Verwünschungen aus Mitleid manchmal aufhoben, taten die gelernten Hexen das nie.

Altrussische Hexen hatten auch eine Leibspeise vorzuweisen: die mit Morgentau vermischte Kuhmilch. Zu besonderen Anlässen, wie z.B. bei Zusammenkünften von Hexen, Vampiren, Dämonen und anderen düsteren Wesen, wurde dieses Getränk mit dem Blut der gemolkenen Kühe angereichert.

Ein mit Hexen verbundener Aberglaube hält unter slawischen Völkergruppen übrigens bis heute hartnäckig an. Sollte demzufolge während eines Schneefalls eine alte Frau an einem abgelegenen Ort einem jungen Mann nachgehen und dabei in die von ihm frisch hinterlassenen Spuren im Schnee treten, so handelt es sich dabei um eine Hexe, die sich auf diese Weise von seinen Lebenskräften nährt.

 

Laut Legenden meines Heimatlandes Usbekistan leben Hexen bevorzugt fern von den Menschen. Meistens in den Bergen. Zum Teil ähneln ihre Beschreibungen denen, die in Europa weitverbreitet sind, andere dagegen zeigen Hexen als riesenhafte alte Frauen, deren Köpfe so groß wie eine Jurte sind. Sie leben zusammen mit Dev (Dämonen), die für sie als Dienstboten und Wachen arbeiten. Usbekische Hexen ernähren sich vorwiegend von Kamel- oder Lammfleisch, sind aber auch keine Menschenfleischverächterinnen.

Nicht zuletzt sind sie begnadete Läuferinnen und durchaus in der Lage, ohne große Mühe ein Rennpferd einzuholen.

Um eine usbekische Hexe zu töten, muss man sie ins Wasser locken, denn sie kann nicht schwimmen.

Interessanterweise scheinen Hexen im Allgemeinen eine schwierige Beziehung zu Wasser zu pflegen. Bereits der sumerische König Hammurapi erwähnte in seinem Codex, dass vermeintliche Hexen und Zauberer einer Kaltwasserprobe ausgesetzt werden mussten, um festzustellen, ob sie tatsächlich welche waren. Die Kaltwasserprobe erfreute sich später einer großen Beliebtheit im europäischen Raum.

Die Vorgehensweisen stammten wohl aus der Annahme, das Wasser sei ein reines, göttliches Element und stoße alles Unreine ab.

 

In vielen europäischen Ländern wurde angenommen, dass Hexen fliegen konnten. Ganz klassisch auf einem Besen, wie die skandinavische Göttin Frigg (ihre alten Darstellungen dienen als Prototyp für das spätere europäische Hexenbild) auf einem Spinnrocken

oder wie die russische Baba Jaga in einem riesigen Mörser.

Manche Hexen bevorzugten schwarze Katzen als Transportmittel, andere dagegen reiteten auf gehörnten, panartigen Wesen oder Ziegenböcken.

 

In der japanischen Mythologie existieren unzählige hexenartige Wesen. Z.B. Kitsunetsuki – die, die von einem Fuchsgeist besessen ist.

Unter Kitsunetsuki versteht man eine junge Frau, in die der Fuchsgeist durch den Spalt unter ihren Fingernägeln eindringt oder auch durch ihren Busen. Die Besessene legt ein bemerkenswertes Verhalten an den Tag: Sie verrenkt ihren Körper, läuft nackt durch die Straßen oder gibt unmenschliche Laute von sich. Sie isst nur das, was man glaubt, Fuchsgeister gerne essen würden: beispielsweise Tofu oder eine bestimmte Bohnensorte.

Der Fuchsgeist verwendet den Körper der Besessenen, um Menschen in die Irre zu führen und so sein Ziel zu erreichen.

Yamauba ist eine alte Frau, die abgeschottet in den Bergen lebt. Sie hat eine Vorliebe für Kinderfleisch und hilft manchmal unfruchtbaren Frauen, ein Kind zu bekommen, nur um es später zu entführen und zu fressen.

 

Doch nun schreiten wir aus dem lang Vergangenen ins Hier und Jetzt.

Ich denke, dass einige meiner Leser dem Hexenhandwerk bereits beiwohnen durften: Wahrsagen, Tarot-Karten, Kaffeesatz, Chiromantie… Sich in der modernen westlichen Gesellschaft eine Hexe zu nennen, vermag vielleicht etwas sonderbar zu klingen und führt zu allerlei dümmlichen Kommentaren, gefährlich ist es aber nicht. In Deutschland existieren sogar etliche Hexenverbände, Stammtische usw., im Rahmen deren Die-sich-dem-Hexenhandwerk-zugehörig-Fühlende zusammenkommen, um Neuigkeiten, Sorgen und Tipps auszutauschen.

Die Zeiten, in denen man Jagd auf Hexen machte, sind in den westlich orientierten Ländern längst Geschichte. In dörflichen Gebieten Indiens dagegen besitzt der Glaube an Hexen – Dayan –  auch im Zeitalter des Wissens eine zerstörerische Kraft. Jährlich werden dort durchschnittlich 170 Frauen auf Verdacht der Hexerei ermordet. Die Dunkelziffer ist unbekannt.

In einigen afrikanischen Staaten (z. B. Kongo, Togo, Malawi) werden Hexen und Zauberer (teilweise sogar legal per Gesetzgebung) für Vorfälle verantwortlich gemacht, mit denen sie nichts zu tun haben. Sie werden vertrieben, gequält oder getötet.

In Saudi-Arabien droht Hexen und Zauberern ganz offiziell die Todesstrafe.

In Rumänien dagegen gibt es so viele Frauen, die mit Hexerei ihr Geld verdienen, dass der Staat sie als Beruf legalisiert und die Einnahmen ab 2011 als steuerpflichtig eingestuft hat. Satte 16% Einkommensteuer muss eine rumänische Hexe zahlen.

Auf Kuba ist Santería weitverbreitet. Dies ist eine Religion, die gleichzeitig Merkmale von Christentum und Hexerei aufweist. Dort gehören Opfergaben, Wahrsagerei oder Trancetänze zu fundamentalen Ritualen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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