Alpträume – die Quälgeister der Nacht

Der Schlaf hat innere Augen

Alpträume – die Quälgeister der Nacht

 

Die Architektur der Träume ähnelt der einer gotischen Kathedrale: man verliert nur zu leicht den Überblick, verirrt sich in den unendlichen Spitzbögen zwischen Glasmalereien, Fresken und Skulpturen. Doch gibt es dort auch dunkle Ecken, die nach Moder riechen. Wenn man sein Gehör anstrengt, kann man ein Geflüster wahrnehmen, das aus diesen Ecken tönt. Hörst du die Worte? Verstehst du deren Bedeutung?

Halte dich lieber fern von solchen dunklen Winkeln, denn die Dunkelheit hat Zähne, die unzählig, klein und spitz sind. Sie hat auch scharfe Klauen – so scharf wie Rasierklingen. Das, was sich im Dunkeln verbirgt, hat vielerlei Namen, die grotesk klingen, und Formen, die sich nicht mit Worten beschreiben lassen.

Manche nennen sie Nachtmahren, andere sagen Pesadilla dazu. Mardröm, Kâbus, Incubo, Кошмар… So viele Namen…

Jeder von uns wurde von ihnen bereits geplagt, jeder hat seine eigenen, mit nichts vergleichbaren Ängste darin erkannt.

In Kunst, Literatur und Film spielen Träume und insbesondere Alpträume eine wichtige Rolle. Franz Kafka, Herman Melville, Mikhail Bulgakow, Stephen King, William Shakespeare, Salvador Dalì, Henry Fuseli, Wes Craven – sie alle und die unzähligen weiteren Genies ließen sich von Alpträumen inspirieren.

 

Ich weiß nicht, was mein erster Alptraum gewesen ist, aber der erste, an den ich mich erinnere, suchte mich immer im Alter zwischen 3 und 7 Jahren heim. Er ging stets gleich vonstatten: Ich spielte auf einer sonnigen Wiese, als es urplötzlich dunkel wurde. Ich konnte nichts mehr erkennen und rief verzweifelt um Hilfe. Dann tauchte der Wolf auf… Ein riesiger Wolf auf zwei Beinen, der wie ein misslungenes Spielzeug aus Gummi aussah. Unecht sah er aus. Seine Zähne jedoch… Oh, sie waren alles andere als unecht!  Er beugte sich zu mir uns flüsterte: „Ich werde dich einlullen, ich werde dich einlullen, ich werde dich einlullen…“ Immer und immer wieder. Sein Gestank drang mir dabei in die Nase und seine Zähne berührten meine Wange. Dann schrie ich und erwachte schweißgebadet in meinem Bett.

Später, im Grundschulalter, träumte ich zum ersten Mal von der Frau mit schwarzen Haaren. Sie trug eine geometrische Pagenfrisur und hatte eine zierliche Statur. Sie schritt auf mich hinzu, während ich wie angewurzelt dastand, unfähig auch nur eine winzige Bewegung zu vollbringen. Ihr Gang ähnelte dem einer Geisha – immer kleine aber schnelle Schritte. Die Miene versteift, die Augen – zwei schwarze Krater, die feucht und gierig glänzten. Je näher sie auf mich zukam, desto breiter öffnete sie ihren Mund, bis er sich auf die Größe eines Suppentellers ausdehnte. Ich blickte in diese Öffnung hinein und sah darin eine gähnende Leere, ein allumfassendes Nichts – tiefschwarz und ohne Ende. Die Frau sog Luft ein und ich konnte sehen, wie mein Körper sich aufzulösen und in diesem Nichts zu verschwinden begann. Dann wurde ich wach.

Seitdem träume ich von der Frau immer seltener, aber manchmal kommt sie wieder. Bis jetzt habe ich es immer geschafft, rechtzeitig aufzuwachen, und bete, dass es so bleibt.

In meinem Heimatland sagen sie, ein böser Traum gehe nicht in Erfüllung, wenn man jemandem darüber erzähle. Nun, wo ich das getan habe, hoffe ich, dass dem wirklich so ist.

 

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