La fleur du mal

La fleur du mal

La fleur du mal. Цветок зла.
Für Marina, an deren Nachnamen ich mich nicht mehr erinnere.
Ich weiß, dass Du gekämpft hast.

 

Weil Henrik an jenem Morgen über Magenschmerzen klagte, meldete Daniela ihn in der Schule krank.

Sobald sie ins Büro gefahren und ihr Sohn alleine geblieben war, verflüchtigte sich sein Leiden auf eine wundersame Weise. Er war froh, nicht zur Schule zu müssen. Die Schikanen seiner Mitschüler machten ihm mehr zu schaffen, als er es jemals zugegeben hätte. Was konnte er schon dafür, dass er der Jüngste und Kleinste der Klasse war und auch derjenige mit den albernsten Klamotten und einem üblen Mundgeruch? Mit seinen 11 Jahren sah Henrik eher wie ein Grundschüler und nicht wie jemand, der bereits die 6. Klasse besuchte, aus.

Er ging in die Küche, schmierte sich ein paar Butterbrote, aß, zog sich an und spazierte in den letzten Aprildonnerstag dieses Jahres hinaus. Anfangs ging er in die Felder. Dort ließ es sich für gewöhnlich ungestört herumstreifen. Was er aber außer Acht ließ, war die Tatsache, dass seine übliche Spazierzeit stets auf die späten Nachmittagsstunden fiel. Während dieser Zeit nutzte kaum jemand die Feldwege zum Zwecke des Joggens oder Gassigehens. Morgens sah die Sache hingegen ganz anders aus: Henrik konnte sich vor neugierigen Blicken der Passanten kaum retten. Schließlich bot ein Kind, das am frühen Morgen alleine durch die Gegend flanierte und womöglich die Schule schwänzte, einen – zugegeben – verdächtigen Anblick.

Der Junge hielt es für klug, unterzutauchen. Bei der ersten Möglichkeit bog er ab und betrat einen schon lange brachliegenden, mit hohem Gras bewachsenen Abzweig eines Landwirtschaftsweges.

Kein Winterdienst. Betreten auf eigene Gefahr,

lautete die Ansage auf dem Warnschild. Rechts daneben fing eine rötliche, mit bemoosten Fugen, Ziegelmauer an. Dahinter konnte man das ebenso rötliche Dach des Bauernhauses sehen. Der Bauernhof stand schon seit einigen Jahren leer: Die dort früher hausende Familie zog in die Großstadt und überließ den Verkauf des Familienbesitzes einem Immobilienmakler, dessen Arbeit allem Anschein nach nicht zwingend vom Erfolg gezeichnet war.

Henrik schlich entlang der Mauer, bis die sich nach einer Weile in einer Kurve nach rechts schwang. Dann blieb er kurz stehen: Von überallher ertönte Grillenzirpen; hin und wieder sauste eine Biene oder Hummel durch die Luft so dicht an seinem Ohr vorbei, dass ihr Flügelsummen sich wie eine Flugzeugturbine anhörte. Und dann nahm das Gehör des Jungen noch etwas Anderes wahr.

Ein leises, liebliches Lied drang in seinen Kopf durch die Schallwellen des Insektenorchesters hindurch. Gesungen wurde ohne Worte, nur mithilfe von hohen und niedrigen Tönen, die sich immer wieder abwechselten und im entfernten Sinne dem Klang eines Kinderchors in der Kirche ähnelten.

Henrik folgte dem Gesang, bis er zu der nördlichen Außenseite des Hauses gelang. Dort wich das Mauerwerk an einer circa drei Meter breiten Stelle einem Metallstabzaun.

Die Hymne klang jetzt deutlicher.

Henrik verspürte einen unüberwindbaren Drang, deren Quelle nahe zu kommen. Er versuchte mehrmals, sich durch die Freiräume des Zauns hindurch zu quetschen, doch sie waren allesamt viel zu schmal und ließen es nicht zu. Enttäuscht starrte der Junge auf den schattigen Platz hinter dem Haus. Die Anziehungskraft, die auf ihn gerade ausgeübt wurde, war so stark, dass er den Gedanken daran, ihren Ursprung nicht feststellen zu können, schlich nicht ertrug. Erneut presste er den Körper seitlich zwischen zwei rostige Eisenstangen und – siehe da! – seine Mühe wurde belohnt. Wie von Zauberhand auseinandergetrieben, öffneten sich die Metallstäbe. Henrik quiekte leise vor Erleichterung und purzelte auf den kühlen, weichen Boden.

Der Choral im Kopf des Jungen dröhnte nun in voller Lautstärke und er wusste, dass er bald fündig sein wird. Nur noch ein paar Schrittchen. Dann bückte er sich und sah…

…sah etwas Blumenartiges aus der Erde ragen. Das Gewächs ähnelte in seiner Form vage einer Narzisse. Seine geschlossene, purpurschwarze Blüte, umgeben von fünf dunkelgrünen Kelchblättern, wirkte wie eine sich um ihre Beute klammernde Klaue eines Raubtiers.

Der Gesang tönte nun wieder seichter, war kaum mehr als ein Echo. Henrik kniete sich vor die Blume in freudiger Erregung. Vorsichtig streichelte er über die Blütenblätter und stellte fest, dass deren Oberfläche starr und voller Rillen war. Sie erinnerte ihn an Deckflügel eines Käfers. Zu seinem Erstaunen reagierte die Blume auf die Liebkosung: Sie öffnete sich langsam. Dabei entblößte sie ihr Inneres, das fleischig aussah und eine Reihe winziger Dornen aufwies.

„Wow“, dachte Henrik, „das Ding sieht aus wie eine fleischfressende Pflanze!“

Schon lange versuchte er, seine Mutter dazu zu überreden, ihm eine Venusfliegenfalle zu kaufen, scheiterte aber jedes Mal, weil sie die Meinung vertrat, dass so etwas Abartiges nicht in ein Kinderzimmer gehöre.

Der Junge stand auf und ging zurück zum Zaun – dort wucherte das Gras am üppigsten. Unmengen an Marienkäfern saßen überall auf den Grashalmen. Henrik schnappte sich ein paar davon und kehrte zurück zur Blume. „Du bist bestimmt hungrig, Schätzchen“, flüsterte er ihr zu. „Ich passe schon auf dich auf. Hier ist dein Leckerli.“

Behutsam legte er die Marienkäfer einen nach dem anderen in das, was wie ein offener Mund aussah. Die Blume schnappte zu und im nächsten Augenblick wurde Henriks Geist von einer Wonne durchzogen, so, als hätte ihm jemand eine Dosis kosmischen Glücks injiziert. Visionen zogen an seinem inneren Auge vorbei. Sie waren beruhigend, einlullend. Darin war er stark und schön – ein Superheld, der Herr seines Schicksals.

„Sie bedankt sich bei mir“, dachte Henrik. „Ich glaube, sie mag mich.“

Nur Stunden später kam er wieder in der Realität an. Unwillig nahm er Abschied von der Blume. Seiner Blume. „Bald komme ich wieder, Schätzchen“, versicherte Henrik, bevor er auf die andere Seite des Zauns gelangte.

***

Am nächsten Tag hielt er es kaum aus, in der Schule auszuharren. Sein ganzes Wesen strebte nur danach, auf jenem kleinen Hinterhof an der Nordseite des verlassenen Bauernhauses zu sein. Als die letzte Unterrichtsstunde endlich vorbei war, eilte er so schnell er konnte zu seinem Schätzchen. In Gedanken versunken, bemerkte er nicht, wie Alex Plöger und Mustafa Baydar ihn aufholten.

Der erste Stoß traf Henrik in den Rücken und riss ihn aus seiner Tagträumerei heraus. Er schwankte nach links, fiel aber nicht. „Aus dem Weg, Stinktier!“, sagte Alex und schubste Henrik erneut, diesmal kräftiger. Henrik prallte mit dem Gesicht gegen eine Hauswand.

„Schau dir nur die Schuhe von dem Opfer an“, sagte Mustafa. „Hat seine Mami die etwa in ´ner Baby-Abteilung gekauft?“ Er zog mit aller Kraft an Henriks Rucksack. „Du bist voll ekelhaft, du kleiner Hurensohn! Wir sollten dir echt die Fresse polieren.“

Ein Fenster im zweiten Obergeschoß ging auf. „Lasst den Kerl sofort in Ruhe, sonst rufe ich die Polizei!“, schrie eine hohe, entsetzt klingende Frauenstimme.

„Wir sehen uns wieder, Stinkmaul“, versprach Alex, bevor er und sein Kumpel davonliefen.

Henrik versuchte krampfhaft, die Kontrolle über seine Atmung zu erlangen. „Geht’s dir gut, Junge? Brauchst du irgendwas?“, fragte die Frau von oben.

„Ich komm‘ schon klar“, japste er. „Danke, dass Sie mir geholfen haben.“

Henrik trottete von dannen und einige Minuten später saß er schon auf dem bemoosten Boden seiner Blume gegenüber.

„Hier bin ich ja, Liebling. Schau, was ich dir mitgebracht habe“, sagte er und holte ein Marmeladenglas aus dem Rucksack hervor. (Letzten Abend, während seine Mutter konzentriert Tante Sabine am Telefon zuhörte, begab Henrik sich in den Garten. Früher, als er kleiner und sein Vater noch nicht abgehauen war, gruben sie hinter dem Gartenhäuschen öfters nach Regenwürmern, die sie am nächsten Tag als Angelköder verwendeten. Dasselbe tat er nun im Licht der untergehenden Sonne allein. Vorher stach er Löcher in den Deckel des Marmeladenglases und befüllte es mit Erde und Laub. Nachdem er genug Würmer ausgebuddelt hatte, legte er sie in das Glas, verschloss es sorgfältig und ging danach zurück ins Haus, um „Wissen macht Ah!“ nicht zu verpassen.)

Henrik zog einen Wurm aus dem Glas. „Ein richtiger Leckerbissen, nicht wahr?“, sprach er zu der Blume, die ihre dunklen Fangblätter bereits geöffnet hatte. Sie fraß, der Junge schaute ihr dabei zu. Der wundervolle Schwebezustand von gestern setze wieder ein.

In seinen Fantasien sah Henrik sich selbst als einen heidnischen Gott, der auf Rache sann, unerbittlich und grausam. Das, was er mit seinen Peinigern darin anstellte, verschaffte ihm tiefste Befriedigung: Er köpfte, folterte, zerstückelte sie, schaute ihnen dabei tief in die Augen und genoss ihre Qualen.

Als die Vision abklang, verschwand mit ihr auch jenes Machtgefühl – alles wurde wie zuvor. Man konnte der Welt nicht ewig ausweichen, aber wenigstens wusste Henrik jetzt, was zu tun war, um es möglichst oft zu erreichen.

In den darauffolgenden Wochen kam der Junge täglich in seinen geheimen Garten. Er brachte Futter mit, die Blume bedankte sich dafür und wuchs. Bis Mitte Mai legte sie ganze 65 Zentimeter in die Höhe zu und berührte somit seine Hüfte, wobei Ihre Blüte bereits den Umfang einer Kaffeeuntertasse erreichte. „Würmer und Insekten reichen bald nicht mehr aus, um mein Schätzchen satt zu halten“, dachte Henrik immer wieder, während er mit einem leeren Blick an seinem Schultisch saß. „Aber ich werde mir etwas einfallen lassen. Ja, das werde ich.“

… Fortsetzung folgt…

 

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