La fleur du mal (Ende)

   La fleur du mal (Ende)

 

La fleur du mal. Die Blume des Bösen.

 

Nach und nach wurde aus dem Jungen ein erfolgreicher Jäger. Zwischen letzter Juli- und erster Augustdekade gelang es ihm, zwei weitere Katzen einzufangen. Beide Male war es ein leichtes Spiel, denn die Biester schienen schier wild auf Dörrfleisch zu sein.

Der Erfolg beflügelte ihn zwar, ließ seine Wachsamkeit dennoch nicht verebben. Er begriff nur zu gut, dass es nicht ewig so weitergehen konnte, ohne dass eines Tages ein neugieriger Anwohner unnötig aufmerksam werden würde. Deshalb beschloss er, sich mit dem zu begnügen, was in die Mausefallen tappte. Und wenn die leer blieben, konnte man jede Zeit ein paar Frösche aus dem Naturteich in der Nähe des Friedhofes fischen.

Die zahlreichen Streifzüge, die Henrik während jenes Sommers unternahm, wirkten sich durchaus positiv auf sein Erscheinungsbild aus: Er baute Muskeln auf und sein sonst teigiger Teint machte Platz für eine goldschimmernde Sonnenbräune.

Daniela fragte mehrmals, wo ihr Sohn denn jeden Tag herumhänge und was er mit den ganzen gefangenen Tieren anstelle. Darauf antwortete er stets, dass er sie nur in die Felder aussetze und ansonsten nichts täte, was sie in irgendeiner Beziehung anginge. Sie wollte auch schon so oft die Fallen entsorgt haben – einfach weg damit, aus den Augen, aus dem Sinn! – weil die Dinge sie ängstigten. Ihr eigener Sohn ängstigte sie. Doch die Befürchtung, dass durch diese Aktion auch der letzte hauchdünne Faden zwischen ihnen reißen könnte, ließ sie untätig.

Manchmal, tief in ihrem Inneren, glaubte sie zu ahnen, was Henrik mit dem Fang in Wirklichkeit machte, fegte diese Mutmaßungen jedoch prompt aus dem Kopf. Nein, sie wollte es lieber doch nicht wissen! Ihr Henrik täte nie einem Lebewesen weh – dafür war er viel zu lieb.

Und so ging das Leben weiter, jeden Tag ein Schrittchen voran.

***

Am 10. August, noch bevor Bauer Eisleb zur üblichen Stunde mit seinem Traktor wie ein Rennfahrer durch die Tempo-30-Zone bretterte, hörte Henrik aus seinem Zimmer, wie ein Auto in ihre Einfahrt fuhr. Er schaute aus dem Fenster und erkannte Tante Sabines Audi. Sie stieg als Erste aus, öffnete die rechte hintere Tür und schnallte eine Babyschale von der Rückbank ab.

Dann sah er Merle.

Im vergangenen Sommer, als Henrik und seine Mutter Tante Sabine in Hamburg besuchten, fand auch das letzte Treffen von ihm und Merle statt. Damals zelteten sie auf Merles Balkon und aßen flambierte Marshmallows, so als befänden sie sich am Lagerfeuer im Wald. Henrik hatte das einen Wahnsinnsspaß bereitet: Es war das erste (und, wenn er sich nicht irrte, auch das letzte) Mal seit der Trennung seiner Eltern, dass er etwas unbeschwert genoss. Selbst jetzt, trotz der ungesunden Beziehung mit der Blume, die gegenwärtig alles Andere in seinem Leben in den Schatten stellte, freute er sich darauf, wieder mit seiner Cousine spielen zu können, in der Hoffnung, jene Leichtigkeit noch einmal zu verspüren.

Die Freude verflog aber ruckartig, sobald Merle aus dem Auto gestiegen war. Sie hatte sich verändert. Um das festzustellen, musste Henrik mit ihr nicht einmal gesprochen haben. Sie erschien ihm so erwachsen: geschminkt und mit einem Smartphone in der Hand. Ihre Haare trug sie nicht mehr zu einem seitlichen Pferdeschwanz gebunden, sondern stufig geschnitten und mit blassrosa Strähnchen darin. Die Schuhe, die Jeans, die sie trug, zeugten davon, dass sie kein Kind mehr war.

Daniela machte unten die Tür auf. Es wurde gegrüßt und umarmt und gewitzelt.

„Wo ist denn mein Neffe?“, hörte Henrik Tante Sabine rufen. „Komm schon, zeig´ dich!“

Er ging die Treppe hinunter und ließ sich in den Arm nehmen und abknutschen. Dann trafen sich seine Augen mit denen von Merle.

„Hallo, Henrik“, sagte sie. „Du bist echt gewachsen.“

„Möchtest du meine Zuchtkristalle sehen?“, entgegnete er.

„Moment!“, unterbrach Daniela. „Zuallererst solltest du vielleicht dein neugeborenes Cousinchen kennenlernen.“ Sie warf dabei ihrer Schwester einen dieser Na-siehst-du-was-ich-meine-Blicke zu.

Henrik beugte sich über die auf dem Boden stehende Babyschale, nahm eine winzige Hand in seine und schüttelte sie kurz.

„Hallo, Cousinchen, freut mich, dich kennenzulernen“, sagte er mit einer quietschenden Stimme. Dann wandte er sein Gesicht Merle zu: „Also, können wir jetzt?“

***

Es stellte sich heraus, dass Henrik mit seiner Vermutung recht hatte: Merle mied ihn.

Sein Verhalten kam ihr unheimlich vor. Sie war zwar bemüht, ihre Abneigung ihm gegenüber nicht zu zeigen, dies gelang ihr aber nicht ganz. Irgendwas war hier faul – das spürte sie einfach! Irgendwas an der nervösen Art, die ihr Cousin an den Tag legte, machte ihr Angst. Seine gehetzten Blicke, die ununterbrochen hin und her glitten und immer wieder auf ihren knospenden Brüsten stehen blieben, sein heiseres Lachen, das sie an Hundebellen erinnerte… Länger als eine halbe Stunde hielt Merle es in Henriks Beisein nicht aus und beschloss, lieber zu ihrer Mutter und Tante nach unten zu gehen.

Als sie alle zusammen am Mittagstisch saßen, fragte sie Daniela, ob sie vielleicht in ihrem Zimmer schlafen könne.

„Ist irgendwas?“, erkundigte Daniela sich und schaute dabei ihren Sohn forschend an.

Merle schüttelte den Kopf. „Oh, nein! Es ist nur so: Ich möchte mich nicht vor einem Jungen umziehen. Auch dann nicht, wenn es um meinen Cousin geht.“

Daniela klatschte sich mit der offenen Hand vor die Stirn. „Mensch, Liebes! Ich habe ja ganz vergessen, dass du schon eine Dame geworden bist! Natürlich kannst du bei mir schlafen.“

Die Enttäuschung stand Henrik im Gesicht geschrieben. Keine Menschenseele auf der ganzen Welt wollte ihn, als wäre er ein Aussätziger, ein Paria!

„Als ob’s bei dir was zum Gucken gäbe!“, schnauzte er Merle an und verließ das Esszimmer.

***

Eine Weile später konnte Henrik ihre Stimmen auf der Terrasse hören. Sie sprachen nicht so laut wie sonst und – das war das Überraschende – sie lachten dabei gar nicht wie sonst.

Der Junge fand es beunruhigend. „Sie zerreißen sich die Mäuler über mich“, dachte er, „verschwören sich, schmieden einen Plan gegen mich.“ Auf leisen Sohlen glitt er die Treppe hinunter und schlich zur Terrassentür, die einen Spalt offenstand.

„Vielleicht solltest du ihn einem Psychologen zeigen“, sagte Sabine zu ihrer Schwester. „Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Henrik im Moment nicht alle Tassen im Schrank hat, entschuldige den Ausdruck.“

Daniela schniefte leise. „Ich habe solche Angst um ihn. Wenn ich darüber nachdenke, dass mein Sohn sich selbst oder jemand anderem etwas Schlimmes antun oder zu einem Amokläufer werden könnte, dann…“ Ihre Stimmlage verriet, dass sie weinte.

„Ach, komm schon! So drastisch wird’s wohl nicht ausfallen. Die ganze Sache ist wahrscheinlich auf dem Mist, den dein Ex euch eingebrockt hat, gewachsen. Plus die einsetzende Pubertät.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“

Plötzlich fiel Henrik auf, dass am entgegengesetzten Ende des Wohnzimmers, dort, wo sich auch der Aktenschrank seiner Mutter befand, ein Kinderwagen stand. Als die Kleine einschlief, stellte Sabine ihn dort ab, weil es draußen viel zu heiß war.

Henrik legte sich auf den Boden, um bloß nicht gesehen zu werden, und kroch auf allen Vieren durch das Wohnzimmer. Sobald er am Kinderwagen angelangte, richtete er sich wieder auf und schaute in den Korb.

Das Baby schlummerte und sah dabei in seinem pinken Body einfach anbetungswürdig aus. Es bekam garantiert alle Liebe der Welt, wogegen er, Henrik, zur Einsamkeit verdammt schien.

Nur die Blume war gut zu ihm, war sein einziger Freund.

Dann malte er sich aus, wie er das Baby in einer Sporttasche zum verlassenen Bauernhof transportiert hatte und es anschließend an die Blume verfütterte. Wie groß würde sie wohl dadurch werden? Und wie großzügig würde ihre Dankbarkeit nach solch einer Mahlzeit ausfallen?

Henrik hob die Kleine vorsichtig hoch, ohne sie zu wecken, und fing an, sie langsam in den Armen zu wiegen. Auf leisen Sohlen überquerte er das Wohnzimmer erneut – diesmal in Absicht, die alte Kommode, die in früheren Zeiten seiner Oma gehörte, zu erreichen. Dort in der untersten Schublade lag Danielas abgetragene Ledertasche, die geräumig genug war, um ein Baby darin zu tragen.

Henrik zog die Tasche möglichst lautlos daraus und legte sie auf den Boden. Dann ging er in die Hocke und verlor dabei beinahe das Gleichgewicht. Daniela und Sabine zogen draußen immer noch munter über ihn her. „Sabbelt ruhig, ihr dreckigen Fotzen“, dachte er. „Und je länger, desto besser.“

Es bereitete ihm etwas Mühe, den Reißverschluss mit nur einer Hand zu öffnen, aber nach einigem Hin- und Herziehen klappte es schließlich. Das Baby passte perfekt in die Tasche und, wenn Henrik hinreichend schnell war, konnte er es durchaus schaffen, unbemerkt zum Bauernhof zu gelangen, solange das kleine Fleischklößchen noch kokste.

Er zog den Reißverschluss zu und wollte schon aufbrechen, als er Merle, die gerade aus dem Bad kam, in der Türschwelle stehen sah. Ihr Gesicht drückte eine tiefe Verwunderung, gepaart mit Abscheu, aus.

„Was zur Hölle tust du da?“, fragte sie ihren Cousin. Die Worte klangen dumpf und irgendwie ungläubig. In Henriks Ohren schallten sie aber in einer monströsen Lautstärke; er hatte das Gefühl, dieser Klang brächte seinen Kopf von innen zum Zerreißen.

Er sprang auf und stürmte an Merle vorbei aus dem Zimmer zur Haustür, dann in die Einfahrt hinaus und immer weiter, ohne sich nur einmal umzudrehen. Er flüchtete so, als wäre ihm ein Wolfsrudel auf der Spur. Nur eines wünschte er sich: Bei seiner Blume zu sein, nie wieder von ihr wegzugehen.

***

Die Blume war da, wo sie auch sonst immer war. In ihrer aktuellen Wachstumsphase überragte sie Henrik beinahe um einen ganzen Kopf.

Schluchzend und hustend, fiel er auf die weiche Erde und weinte und weinte und weinte. Irgendwann kamen aber keine Tränen mehr: Henrik war leer. Verwüstet. Sehnte sich nach einer Umarmung.

Er stand auf. Sein Gesicht strotzte vor Dreck und Rotz.

 „Tut mir leid, mein Liebling“, sprach er zu der Blume. „Heute habe ich nichts für dich.“

Er tätschelte die rauen Blütenblätter, von denen jedes einzelne dreimal so groß wie seine Handfläche war.

„Morgen fange ich eine Katze, weißt du, diese mit schwarzen Flecken. Sie wird dich prima satt machen.“

Seine Finger ruhten nun auf der geschlossenen Blüte.

„Ich hasse sie alle bis auf den Tod! Allen voran diese Schlampe Merle. Nur du bist wichtig“, fuhr er eifrig fort. Dann schloss er die Augen, voller Hoffnung, dass das Schwebegefühl zurückkehren würde. Vergebens.

Plötzlich durchdrang ein rasender Schmerz seinen ganzen Körper. Er riss die Augen auf und sah, dass sein Arm bis zur Schulter im Maul der Blume steckte. Im nächsten Augenblick versagten seine Beine. Eine Blutfontäne schoss aus der klaffenden Wunde und färbte seinen Oberkörper in Sekundenschnelle rot.

Warum hast du das getan?“, schrie sein Verstand. „Ich liebe dich doch so!“ 

Doch dann verschwand der Schmerz ebenso schnell, wie er einsetzte. Nein, es tat nicht mehr weh. Henrik schwebte. Er war glücklich. Er sah sein Leben auf die bemooste Erde auslaufen, aber es war nicht schlimm. Kein bisschen schlimm. Kein bisschen…

Es war schon fast dunkel, als die Polizei seinen Körper fand.

 

 

 

 

 

 

 

 

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