Ich folge dir

Ich folge dir

 

Ich folge dir. Aber vielleicht verfolge ich dich auch…

 

Die Leichen von Franziska und Klara Ulke wurden am Donnerstag, dem 28.03.2016, im Forst Iloo, nahe Aukrug, knapp 500 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt, gefunden.

Niemand konnte erklären, wie sie dorthin gelangt waren. Ebenso wenig wusste man, was die Kinder als Letztes in ihrem Leben gesehen haben mochten.

Ihre Kleider waren sauber, die Körper wiesen keinerlei Gewaltspuren auf. Umso verdutzter schaute der zuständige Rechtsmediziner, nachdem er die Leiber der Kinder geöffnet hatte und in den beiden weder Blut noch innere Organe feststellen konnte. Schlimmer noch: Von innen waren die Mädchen mit Gras, Moos und Steinen ausgestopft.

Sie war das! Sie hat es meinen Babys angetan!“, schrie die Mutter der Mädchen ununterbrochen, bis sie plötzlich verstummte und willenlos auf den gekachelten Boden der Uniklinik sank. Ihr leerer Blick führte ins Nirgendwo; sie wiegte ihren Oberkörper hin und her wie der Priester in einer Pagode, ohne auf die Fragen des Beamten der Kriminalpolizei zu reagieren.

Das Böse befindet sich stets in unserer Nähe. Es lauert auf uns, wartet nur darauf, dass unsere Achtsamkeit verstummt, um augenblicklich anzugreifen. Die Zeugen des Bösen werden von den anderen belächelt oder als wahnsinnig abgetan, aber die, die einmal gesehen haben, vergessen das hässliche Antlitz des Abgrunds nie.

***

Zur Beerdigung von Gerda Meyer kamen viele Menschen. Zu viele, wenn man bedachte, dass ihr Bekanntenkreis in den letzten Jahren immer kleiner wurde und die gesamte lebende Verwandtschaft aus einer Tochter, einem Schwiegersohn und einer Enkelin bestand.

In der Friedhofskapelle tönte leise Musik – irgendetwas Substanzloses, das speziell dafür komponiert gewesen zu sein schien, um die Ohren des Zuhörers nicht zu sehr zu beanspruchen und seine Gedanken nicht von dem Wesentlichen abzulenken.

Die Pfarrerin erschien: Genau die, die vor einem Jahr die Erstklässler an ihrem ersten Schultag gesegnet und jedem einzelnen ein hässliches Reflektor-Kreuz um den Hals gehängt hatte. Der Sinn des Kreuzes bestand wohl darin, die Gnade Gottes stets mit sich zu tragen, um auf dem von Gefahren übersäten Schulweg von den gefrusteten Autopendlern rechtzeitig gesehen und nicht angefahren zu werden.

Sofie Knipp wibbelte ständig auf der Sitzbank herum. Sie dachte an ihren ersten Schultag, an die Pfarrerin und daran, dass sie sich darüber erleichtert fühlte, dass Oma Gerda jetzt in einem Sarg lag und bald unter die Erde gebracht werde. Sie schämte sich ihrer Gedanken ein wenig, jedoch nicht so sehr, dass ihre Freude dadurch verebbte.

Für gewöhnlich sind Omas in Kinderaugen engelsgleiche Geschöpfe, umgeben vom goldenen Schimmer der Güte: Sie sind diejenigen, die immer ein tröstendes Wort für ihre Enkel parat halten, im Schrank leicht zugängliche Süßigkeiten bunkern und die feinsten Leckereien im Handumdrehen auf den Tisch zaubern.

Sofie mochte ihre Oma jedoch nie. Sie roch schlecht und ihre Frikadellen schmeckten scheußlich. Nur ungerne blieb das Mädchen bei ihr über Nacht, wenn Korinna und Wolfgang einen ihrer kinderfreien Abende genossen.

In Omas Haus durfte Sofie weder laut sein, noch mit Freundinnen spielen. Oma hatte eine irre Angst um die hellen Bodenfliesen und fand, ihre Enkelin trüge zu viel Schmutz hinein.

„Liebe Anwesenden, wir haben uns heute versammelt, um unsere geliebte Gerda Meyer auf ihrem letzten Pfad ins Reich unseres Herrn zu begleiten.“

Die Pfarrerin lispelte. Als Sofie noch in den Kindergarten ging, hatte sie auch gelispelt. Aber jetzt, wo sie bereits die zweite Klasse besuchte, kam es ihr komisch vor, dass eine erwachsene Frau nicht imstande war, Worte korrekt auszusprechen.

Sie wünschte sich so sehr, dass die Beerdigung bald vorbei war und sie und ihre Eltern wieder nach Hause hätten gehen können.

Außerdem wünschte sie sich das kleine Puppenzimmer, das in einem Holzkasten mit Glasfront an der Wand in Omas Kellerbar hing.

Das Stübchen war Sofies Meinung nach das vollkommenste Meisterwerk der Kunst, das durch Menschenhand je entstanden war.

Wie oft fantasierte das Mädchen eine winzige Fee in das Zimmer hinein! Eine Blütenfee, die nach einem anstrengenden Tag im Wald, während dessen sie unaufhörlich kaputte Blumen repariert hatte, nach Hause kam, sich in ein Miniaturbett legte, das kleine Nachtlämpchen anschaltete, um dann in einem winzigen Buch zu lesen.

Egal, wie oft Sofie ihre Oma anbettelte, doch bitte nur ein einziges Mal mit dem Puppenzimmer spielen zu dürfen, es war alles vergebens!

„Wenn ich nicht mehr bin,“ sagte Oma, „bekommst du das Ding. Aber nur dann und nicht einen Tag früher!“

„Wann bist du denn nicht mehr?“, fragte Sofie verzweifelt.

Oma rümpfte die Nase und murmelte etwas Unverständliches. Sofie blieb vor der an der Wand hängenden Holzkiste stehen und stellte sich vor, wie sie sie eines Tages einfach von den Häkchen abnahm und die Glasfront hochschob, um so ihren Spieldurst endlich zu stillen.

***

Am Morgen vor der Beerdigung verhielt sich Sofie ungewöhnlich still, ja in sich gekehrt.

Auf Korinnas Frage, was denn mit ihr los sei, schlug sie die Augen nieder und schwieg beharrlich.

„Ich weiß, dass du traurig bist. Und es ist auch in Ordnung so“, betete Korinna die von ihr auswendig gelernte Litanei herunter, die sie in einem psychologischen Ratgeber aufgeschnappt und für nützlich empfunden hatte. „Trauer ist eine ganz natürliche Sache und du musst dich dessen nicht schämen.“

Sofie, die in Wirklichkeit kein bisschen traurig war, verzerrte ihr Puppengesicht zu einer dramatischen Miene der Verzweiflung, die so reif für eine brasilianische Telenovela zu sein schien.

„Mami“, sprach sie, ohne den Blick vom Boden abzuwenden, „ich vermisse Omi so fürchterlich.“ Ein Schluchzer entkam ihren Lippen und ihre Brust erbebte.

Überglücklich, ihr küchenpsychologisches Wissen in Szene setzen zu können, nahm Korinna ihre Tochter eifrig in den Arm.

„Wir vermissen sie alle, mein Schatz“, sprach sie und drückte Sofie fest an sich. „Du darfst ruhig weinen, wenn du willst. Lass deinen Emotionen freien Lauf.“

Eine schwere, glitzernde Träne hatte Sofies Auge verlassen und bahnte sich den Weg ihre Wange hinunter.

„Ich möchte so gern ein Andenken an Oma haben, aber es gibt kaum etwas von ihr bei uns. Ich brauche etwas, was ich mir ins Zimmer stellen könnte, um es jeden Tag zu bewundern und Omi nie zu vergessen.“

Überwältigt von der eigenen Schauspielkunst, heulte Sofie nun richtig los.

„Wenn du magst, fahren wir nach der Trauerfeier zu Omas Haus und du suchst dir ein hübsches Ding aus, das dich stets an sie erinnern soll“, schlug Korinna vor.

Sofies Gesicht erhellte sich. Aber nicht zu sehr. Ihre tiefe Betrübnis musste trotz des aufgegangenen Plans sichtbar bleiben.

Sie schlug ihre Arme um den Hals ihrer Mutter und küsste sie auf die Schläfe.

„Danke, Mami! Du bist wirklich die beste!“

***

Irgendwann war die Trauerrede vorbei und die Beisetzung auch. Das mit Kränzen und Sträußen überhäufte Grab wirkte unbeholfen und irgendwie aufgesetzt.

Die sich in einem Lokal versammelte Gesellschaft schlurfte munter Kaffee und aß Apfelkuchen und Donauwelle zu Ehren der Verstorbenen.

Sofie, die zwischen ihren Eltern saß, stocherte mit der Gabel auf ihrem Stück Kuchen herum und schob es ständig von einer Tellerseite auf die andere.

Sehnsüchtig schaute sie immer wieder auf die Armbanduhr ihres Vaters.

„Liebe Uhrzeiger, warum seid ihr bloß so langsam?“, krakeelte sie lautlos. „Dreht euch bitte, bitte ein bisschen schneller!“

Die Halle im Lokal hatte Korinna bis 16:00 reserviert und es würde noch eine ganze Stunde dauern, bis sie endlich gehen könnten.

Eine ältere Dame, die Sophie von einem der Bilder aus Omas Fotoalbum zu kennen glaubte, kam vom anderen Ende der Halle zu ihnen herüber.

„Kindchen“, sprach sie zu Sophie, „dich habe ich ja schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen! Zuletzt, als deine liebe Großmutter…

…Sofie hasste es, wenn jemand Großmutter sagte…

…mit dem Kegelclub nach Dresden gefahren war. Deine Mutter brachte Gerda damals zum Bahnhof und nahm dich auch mit. Du lagst in einem Kinderwagen – er war rot und sah aus wie ein Astronautenfahrzeug. Ach, ich schwatze und schwatze… Ich wollte ja nur gesagt haben, dass du ein sehr nettes Kind zu sein scheinst.“

Sofie lächelte und bedankte sich so, wie ihre Eltern es ihr beigebracht hatten.

„Warum färben alte Frauen ihre Haare mit diesen eigenartigen Farben: rost und flieder?“, überlegte sie, während sie die Frisur der Dame höflich-distanziert inspizierte. „Wenn ich einmal alt bin, möchte ich wie Nina Hagen aussehen.“

16:10

Die Zeit verging so gnadenlos langsam. Im Schneckentempo. Sie zog sich wie Gummi. Aber auch der langsamste Läufer kommt irgendwann ans Ziel.

Um kurz vor sechs parkte die knippsche Familienpritsche vor dem Domizil von Gerda Meyer.

Alle drei gingen hinein. Die Zimmer, in denen kein Licht mehr brannte, der Kühlschrank, der keine Geräusche mehr machte, die Uhr, die auf einmal so laut tickte, dass es fast ohrenbetäubend klang – all das versetzte Sofie in eine Art Starre.

Sie fröstelte.

Wolfgang schaltete das Licht in der Küche an. Das Schnalzen des Schalters dröhnte dabei wie eine Explosion in Sofies Kopf. Erschrocken fuhr sie zusammen.

„Keine Bange, Schatzi-Maus“, sagte Wolfgang und streichelte seiner Tochter übers Haar. „Nun geh schon, such‘ dir etwas aus.“

Ein zweites Mal musste er seine Aufforderung nicht wiederholen. Sofie glitt an ihm vorbei die Kellertreppe hinab.

Als sie unten angelangt war, bekam sie es plötzlich mit der Angst zu tun. Dort war es dunkel und roch nach altem Zigarettenqualm: Gerda Meyer feierte in ihrem Keller des Öfteren Feten mit dem Kegelklub.

Blindlings versuchte Sofie einen Lichtknopf an der Wand zu ertasten, schaffte es jedoch nicht.

Sie stellte sich vor, wie ihre tote Oma aus der Dunkelheit plötzlich nach ihr griff, mit kalten Fingern und nach feuchter Erde riechend, um sie ins Nichts zu zerren, dorthin, wo die Sonne niemals aufging und alles verödet war und trist.

„Fass die Puppenstube nicht an! Sie gehört mir!“, hörte Sofie ihre Großmutter aus der Ferne fauchen.

„Papi, komm bitte!“, rief sie nach oben so laut sie nur konnte.

Wolfgangs eilige Schritte auf der Treppe hallten dumpf und schwer über ihrem Kopf und nur einen Augenblick später stand ihr Vater schon vor ihr – ein strahlender Held in weißer Rüstung, jederzeit bereit, die bösen Geister zu vertreiben.

„Fürchtest du dich etwa doch, Schatzi-Maus?“, fragte er und nahm Sofies Hand in seine.

Zusammen betraten sie den Kellerraum. In nur wenigen Schritten und ohne groß umherzuschauen, erreichte Sofie die an der Wand hängende Puppenstube. Ihre Augen leuchteten auf. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme danach. Erfolglos.

Dann setzte sie ihr allerliebstes Schatzi-Maus-Gesicht auf und sprach: „Kannst du sie mir bitte angeben, Papi?“

***

Das Herz sprang ihr beinahe aus der Brust, als sie die Holzkiste ihrer Träume endlich in den Händen hielt. Auf dem Rücksitz des großzügigen SUV klammerte sie sich daran fest wie an einer Reliquie, so als sei es eine der Sandalen Jesu gewesen.

Zu Hause angekommen, rannte Sofie schnurstracks nach oben in ihr Zimmer. Sie stellte die Kiste in die Mitte ihres Schreibtisches, schob einen Stuhl heran und versank in einer tiefen Bewunderung.

Sie schob das Frontglas hoch und betastete die winzigen Möbelstücke, die sich in der Stube befanden. Die karierte Tagesdecke, die über dem Bett lag, fühlte sich flauschig an.

„Blad kommt Mirabelle nach Hause“, sprach Sofie in den Raum. Ihre Fee musste Mirabelle heißen – das wusste sie schon seit Langem. Ihrer Meinung nach war es der schönste aller Namen und passte perfekt zu einer Blumenfee.

***

In der Nacht wachte Sofie auf. Es war kein sanftes Erwachen, sondern eines mit kaltem Schweiß auf der Stirn und einem nassgeschwitzten Bettlaken.

In ihrem Traum hatte sie Oma Gerda gesehen: quietschlebendig und auf eine fantastische Weise um Jahrzehnte verjüngt.

Sie saß auf ihrer Terrasse unter einer orange-weiß gestreiften Markise und trank einen Milchshake.

Sich selbst sah Sofie in diesem Traum nicht, aber sie wusste, dass Oma Gerda sie sehr wohl sah.

„Jetzt bin ich ganz schön tot, Liebes“, sprach sie, an ihrem Glas nippend. „So ist es nun mal im Leben.“

Sie winkte ab und fuhr fort: „Es war kein Geheimnis für mich, dass du mich nicht leiden konntest. Ich mochte dich auch nie so richtig. Du bist ein freches, aufsässiges Ding, aber immer noch die Tochter meiner Tochter – da kann man nichts machen.“

Die sonnige Terrasse wurde plötzlich vom Schatten einer Gewitterwolke überzogen. Und die Oma sah auf einmal nicht mehr so jugendlich aus, sondern aschfahl im Gesicht und irgendwie echsenhaft.

Sie gluckste unangenehm auf.

„Du weißt, dass du nicht mit den Fremden reden darfst, oder? Ja, das solltest du aber wirklich lassen! Und schlepp bloß keinen Unrat mit ins Haus, verstanden? Die Bodenfliesen sind hell und ich bin zu alt, um sie zu säubern. Alt bin ich und tot.“

Mit diesen Worten fiel Oma Gerda auseinander. Ihr Glas mit dem restlichen Milchshake landete auf dem Boden und zerbarst.

Im selben Moment spürte Sofie, wie fremde Hände sie am Kleid gepackt hatten und sie wegzuzerren versuchten.

Dann wachte sie ruckartig auf.

Sie befand sich in ihrem Bett.

Die Oma war nichts als ein Traum. Ein dummer, dummer Traum!

Sofies Blick wanderte zum Schreibtisch. Die Puppenstube stand nach wie vor da. Doch das Mädchen musste ungläubig ihre Augen reiben, weil sie das, was sie sah, nicht begreifen konnte: In der Puppenstube brannte das Licht.

…Fortsetzung folgt…

 

 

 

 

 

 

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