Ich folge dir (Fortsetzung III)

Ich folge dir (Fortsetzung III)

Ich folge dir,

Aber vielleicht verfolge ich dich auch…

Sofie schaute aus dem Fenster: Die grelle Aprilsonne strahlte vom Himmel in einem unerwartet satten Juligold. Keine Pfützen, keine feuchte Erde. Es hatte überhaupt nicht geregnet – nicht einen einzigen Tropfen – ihre Socken waren dennoch klitschnass und frische Matschspritzer zierten ihre Waden.

Die Brotkrümel waren größtenteils verschwunden – aber hier und da versteckten sich noch einige wenige zwischen den weichen Fasern des Teppichbodens.

„Ich kann unmöglich geträumt haben! Nie, niemals, nein!“, dachte das Mädchen und stellte fest, dass seine Haare sowie Kleider ebenso nass waren.

Sofie streifte alles ab und zog trockene Sachen an. Als nächstes schlich sie sich ins Bad, kramte den Haartrockner aus dem Schrank heraus und trocknete sich die Haare auf der leisesten Trockenstufe. Dann ging sie hinunter.

Korinna lag auf dem Sofa und schnarchte leise. Sie wirkte müde, sah gealtert aus. Ihr mit teuren Cremes regelmäßig gepflegtes Gesicht sah nicht mehr gewohnt rosig-gesund aus, sondern gräulich und ausgemergelt.

Auf Zehenspitzen tippelte Sofie in die Küche. Aus dem Stehregal nahm sie ein Paket Sandwichbrot. Im Kühlschrank fand sie Butter, Schinken und Sambal Oelek.

Zuerst den Rand vom Brot abschneiden, dann dünn die Butter drauf, Sambal Oelek – noch dünner als die Butter und als letztes Schinken. Alles so, wie Korinna es am liebsten hatte.

Die Mahlzeit auf einen Teller gelegt, betrat Sofie erneut das Wohnzimmer, wo sie dann den Teller auf den Couchtisch abstellte, um sich zu ihrer Mutter zu setzen.

Sie dachte daran zurück, wie sie einst auf dem Kindergartenspielplatz auf einer Rutsche saß und Korinna erblickte, die gekommen war, um sie abzuholen. Es war ein kühler Herbsttag, der in jenem Moment, als Sofie den roten Mantel ihrer Mutter erkannte, zu einem nach Wärme riechenden Stückchen Sommer wurde.

Sie glitt die Rutsche hinunter, direkt in Korinnas offene Arme, mit dem Gedanken, dass sie wohl das glücklichste Kind auf Erden gewesen sein musste, so eine wundervolle Mami zu haben.

Das Mädchen streckte seine Hand aus, um Korinnas Haar zu berühren, zuckte jedoch kurz davor zusammen. Über Haare war sie nun endgültig hinaus! Nur zu gerne hätte es jetzt die große Küchenschere geschnappt und das lange, kastanienbraune Haar seiner Mutter kurz geschnitten, um es danach im Garten zu verbrennen. Kurzhaarfrisuren waren ohnehin viel pflegeleichter…

Korinna öffnete die Augen. „Komm her, Schatzi-Maus“, sagte sie und rutschte ein wenig zur Seite, sodass Sofie genügend Platz auf dem Sofa neben ihr bekam. So lagen sie eine Weile da, eng umschlungen, lauschten in die Stille des Hauses hinein. Schließlich sprach Sofie: „Mami, ich habe dir zu essen gemacht.“

Korinnas Blick wanderte zum Couchtisch.

„Oh, es tut mir leid, Liebes, ich habe es gar nicht bemerkt!“

„Nicht schlimm, Mami. Iss doch! Ich habe alles so zubereitet, wie du es magst.“

Da Korinna in der Tat den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte außer Kaffee und einen Mordshunger verspürte, ließ sie ihre Tochter das Angebot kein zweites Mal verkünden und biss voller Dankbarkeit in das weiche Sandwichbrot.

Wie gebannt schaute Sofie ihrer Mutter beim Essen zu: Noch nie hatte sie sie so gierig schlingen sehen. Als Korinna nahezu alles verputzt hatte, sprach das Mädchen zögerlich: „Mami, ich möchte dir etwas verraten.“

Durch diese Worte blieb ein abgebissenes Stück Sandwich in Korinnas Hals stecken – wie ein Stein, der sich auszudehnen schien und ihr somit die Luft zum Atmen abschnitt.

„Mami, das, was du letzte Nacht gesehen hast“, fuhr Sofie fort, „das ist echt gewesen. Du hast nicht geträumt.“

Wie vom Blitz getroffen starrte Korinna ihre Tochter an. Obwohl sie sich auch vorher schon so gut wie sicher war, dass die Vision der vergangenen Nacht nicht nur eine Frucht ihrer Fantasie gewesen sein konnte, erschütterte Sofies Bekenntnis sie zutiefst.

„Was sagst du da?“, wisperte sie.

„Die Meerjungfrau existiert in Wirklichkeit“, gab Sofie zurück und fing an zu schluchzen. Nicht zuletzt vor Erleichterung darüber, die Last des Schweigens, die auf ihrem Herzen gethront hatte, loszuwerden. Mami war da. Mami würde ihr gewiss helfen. Dafür gab es Mamis doch!

„Meerjungfrau, sagst du?“, staunte Korinna.

„Naja, sie hat Haare wie Arielle, kann wundervoll singen und hat diesen Fischschwanz…“

„Das Ding würde ich nicht gerade als Fischschwanz bezeichnen.“

Sofie schaute ihre Mutter verwirrt an.

„Nicht weiter wichtig“, sagte Korinna hastig. Erzähl mir nur, wie es passiert ist.“

Nach einer Weile, als Sofie mit ihrer Erzählung am Ende angekommen war, stellte Korinna fest, dass ihre Körperhaltung derart verkrampft war, dass ihre Glieder sich wie Holzblöcke anfühlten. Ihre schweißnassen Handflächen wischte sie immer wieder am Sofa ab, ihre Lippen waren dagegen so trocken, wie die Rinde eines toten Baums.

„Wir können nicht bis morgen warten“, sagte Korinna schließlich.

„Womit warten, Mami?“

„Morgen habe ich eine Verabredung mit einer Frau, die sich mit… mit unheimlichen Sachen auskennt. Doch ich fürchte, dass wir nicht so viel Zeit haben.“

Korinna stand auf und ging zum Telefon. Sie drückte auf Wahlwiederholung. Zuerst ging niemand ran, doch nach ausgiebigem Klingeln wurde ihre Geduld belohnt.

Sofie konnte eine weit entfernte Frauenstimme im Hörer erkennen, die alt klang, aber dennoch eine gebieterische Note aufwies.

„Knipp wieder, sprach Korinna. „Wir haben heute bereits telefoniert.“

Unverständliches am anderen Ende der Leitung, das Unzufriedenheit erahnen ließ.

„Es ist ein Notfall. Sie müssen uns helfen“, Korinna klang nervös. „Es ist dringend. Bitte!“

Ein Seufzer im Telefon, dann ein paar Worte, deren Tonlage Sofie nicht mehr so entnervt vorkam wie zuvor.

„Ich danke Ihnen!“, sagte Korinna. „Wir sind gleich da.“

***

Um 17:30 parkte Korinnas kleiner Fiat vor einem gepflegten dreistöckigen Mehrfamilienhaus mit roten Balkons und Türen.

„Papi kommt gleich von der Arbeit“, sagte Sofie und steckte die Nase in das Fell ihres Kuschelhasen.

Auf dem Leder des Lenkrads produzierten Korinnas Finger ein rhythmisches Stakkato. „Er kann sich etwas aus dem Gefrierfach warm machen“, antwortete sie. Die Antwort klang automatisch, ebenso wie die Töne, die ihre Fingernägel in die Welt setzten.

Dorfstraße 17.

Sie stiegen aus.

Von sechs Klingelschildern suchte Korinna eines mit dem Namen Van Offern darauf aus. Der Name kam ihr bekannt vor, doch sie konnte sich nicht daran entsinnen, wo sie ihn schon einmal gehört haben durfte. Nur zögerlich betätigte sie die Klingel. Wie ein verzerrtes Echo ertönte darauf ein elektrisches Zittern. Die Eingangstür ließ sich aufdrücken.

Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss. Nur sechs niedrige Stufen hoch und zwei Schritte nach rechts. An der Wohnungstür hing ein Willkommen-Kranz, der eher einem Rabennest ähnelte als einem Dekoartikel. Von innen klackte das Schloss und die Dame, deren Stimme Sofie im Telefon gehört hatte, erschien.

„Berta, Sie sind es?“

Korinnas Staunen war nicht zu überhören. Die alte Frau, die nicht weniger überrascht wirkte, winkte die beiden Besucherinnen hinein.

„Ach, Kindchen, ich kenne dich doch nur unter deinem Mädchennamen. Mit Knipp konnte ich nichts anfangen.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie so etwas betreiben. Das mit dem Wahrsagen und… und Sie wissen schon…“, sprach Korinna verdutzt.

Die Alte zuckte mit den Achseln. „Wir haben uns ja nicht so oft gesehen. Gerda wusste darüber sehr wohl Bescheid. Meine Beschäftigung hielt sie für eine Albernheit, ließ mich aber trotzdem ab und an Kaffeesatz für sie lesen.“

Währenddessen stand Sofie hinter ihrer Mutter und glotzte die alte Frau an. Es war genau die, die nach der Beerdigung zu ihnen herüberkam und etwas von dem roten Kinderwagen erzählte.

In der Wohnung roch es komisch: nach Lavendelparfüm und alten Leuten. Und es war sauber. So sauber, dass man hätte denken können, niemand würde in diesen Wänden residieren. „Reinheit ist die beste Schönheit“, wiederholte Gerda Meyer immer wieder, wenn sie mit dem Staubwischen oder Badputzen zugange war. Die Behausung ihrer Freundin musste sie demzufolge als besonders schön empfunden haben, dachte Sofie.

Berta bückte sich zu ihr. Ein sonderlich tiefes Bücken war es aber nicht gewesen, denn die alte Dame war kaum einen Kopf größer als das Mädchen.

„Du bist also das Problemkind, so so…“, sagte sie.

Dem Mädchen unter das Kinn gefasst, schaute sie ihm lange ins Gesicht.

„Nein, was bist du bleich! Na, dann kommt mit ins Wohnzimmer, ich sehe zu, was ich tun kann.“

Die Einrichtung des Wohnzimmers erinnerte Sofie an die alten Schwarzweißfilme, die Korinna sich so gerne anschaute, nur, dass die Farben alle da waren.

Schwere Samtvorhänge zierten das große Fenster. So welche hatte Sofie eines Tages im Geschichtsmuseum gesehen: Sie gehörten einst einer adeligen Familie und sahen nun ausrangiert und staubig aus. Die Vorhänge von Berta van Offern waren alles andere als staubig. Sie strahlten im sauberen Terrakotta und die mit Goldfäden besetzen Ornamente setzten den perfekt gelegten Falten die Krone auf. Am liebsten hätte Sofie den Stoff angefasst, traute sich jedoch nicht und blieb wie angewurzelt inmitten des Zimmers stehen.

„Setz dich, Liebes“, sagte Berta und zeigte auf den großzügigen Ledersessel. Dann ging sie zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Es wurde augenblicklich dunkel. Eine Unruhewelle überkam das Mädchen, doch ehe es etwas hätte sagen oder tun können, zündete seine Gastgeberin schon die auf dem Wohnzimmertisch auf einer Glasplatte stehenden Wachskerzen an.

Korinna blieb währenddessen in der Ecke stehen, Arme um sich selbst geschlungen, so, als würde sie frösteln.

Berta legte ihre Hand auf Sofies Kopf und begann zu wispern: Manche Worte glaubte das Mädchen zu verstehen, die meisten klangen dagegen völlig fremd. Nach einer Weile merkte es, dass die Hand auf ihrem Kopf erzitterte: zunächst nur leicht, dann zunehmend stärker.

Irgendwann zog Berta ihre Hand weg. Wie benommen sank sie auf die Sessellehne.

„Was haben Sie gesehen?“, fragte Korinna.

„Sie wird nicht von ihr ablassen“, antwortete Berta. „Die Kleine trägt ihren Ring, der aus einem einzigen Haar geflochten wurde, jedoch aber so eng sitzt, dass es unmöglich ist, ihn vom Finger zu bekommen.“

Sofie blickte auf ihre Hände, konnte aber keinen Ring an irgendeinem ihrer Finger feststellen.

„Wer ist sie?“, fragte Korinna.

„Die Schlange. Durch die Fährte der Toten sucht sie den Weg zur Unschuld. Ihre Beute sind Kinder, die vor Kurzem einen nahen Verwandten verloren haben. Durch bestimmte Gegenstände verschafft sie sich den Zutritt zu der Seele des Kindes. Dafür benutzt sie ihre Dienerinnen.“

„Warum sagen Sie immer Schlange?“, fragte Sofie.

„Weil sie eine ist. Du siehst möglicherweise ein Trugbild, das sie für dich fabriziert hat“, sprach Berta und fuhr fort: „Bei Dunkelheit lockt sie Kinder mit ihrer honiggleichen Stimme an und saugt sie dann leer, bis auf den letzten Tropfen Blut.“

„Mami, ich habe Angst!“ Erschrocken begann Sofie zu schluchzen.

Korinna eilte zu ihr herbei und schloss sie in die Arme. „Was können wir tun?“, fragte sie die alte Frau. „Helfen Sie uns. Lassen sie uns bitte nicht im Stich.“

Berta stand auf und öffnete die Vorhänge. Die Sonne ging bereits unter. „Ich muss nachdenken“, sagte sie. „Möchte jemand einen Kamillentee?“

…Fortsetzung folgt…

 

 

 

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