Ich folge dir (Fortsetzung II)

Ich Folge dir (Fortsetzung II)

Ich folge dir,

Aber vielleicht verfolge ich dich auch…

„Schatz, Schlangenfrauen gibt es nur im Zirkus. Die Beerdigung und der gestrige Tag sind schlicht zu anstrengend für dich gewesen.“ Wolfgang saß auf dem Sofa neben seiner Frau und streichelte ihren Arm.

„Nein, ich weiß, was ich gesehen habe! Ich weiß es einfach! Es war kein Traum!“

„Liebling, du hast deine Periode – da verhältst du dich immer so merkwürdig.“

Korinnas kreidebleiches Gesicht bekam auf einmal Farbe und verwandelte sich mit einem Schlag in eine Hexengrimasse. Sie sprang auf und beugte sich bedrohlich über ihren Mann.

„Jedes verdammte Mal, wenn eine Frau etwas sagt oder tut, womit ein Mann aufgrund seiner Beschränktheit nichts anfangen kann, meint er, sie habe NUR ihre Tage“, brüllte sie ihn an. „Weißt du eigentlich, wie scheiße das ist?“

Wolfgang, dessen Körperhaltung tiefste Reue ausdrückte, stammelte undeutliche Entschuldigungen vor sich hin.

„Siehst du nicht, dass mit unserem Kind etwas nicht stimmt?“, fuhr Korinna fort, diesmal jedoch etwas leiser. „Sie ist leichenblass! Sie sieht krank aus!“

„Vielleicht sollten wir mit ihr zum Arzt, um…“, Wolfgang brachte den Satz nicht zu Ende.

„Wo bin ich denn mit ihr deines Erachtens gestern gewesen? Oder meinst du, der alte Hormes hat seine Meinung über Nacht geändert? Er nimmt mich doch kein bisschen ernst!“

Wolfgang stand auf und schnappte seine Aktentasche vom Wohnzimmertisch. „Ich muss jetzt ins Büro“, sprach er, „du solltest heute nicht so viel tun. Gönnt euch einen schönen Stadtbummel oder so…“

Korinna winkte genervt ab.

***

Nachdem ihr Mann das Haus verlassen hatte, ging sie die Treppe hinauf ins Zimmer ihrer Tochter. Sofie lag unbedeckt im Bett und sah in den frühen Morgensonnenstrahlen entzückend aus. Es wäre ein perfektes Bild gewesen, wenn es nicht diese dunklen Ringe gegeben hätte, die wie die bösartigen Schatten ihre Augen umrandeten.

Korinna setzte sich behutsam neben Sofie und küsste ihre Schulter. Als sie den Kopf wieder gehoben hatte, fiel ihr Blick auf einen dunklen Fleck, wenige Zoll oberhalb Sofies linkem Knie. Bei näherem Betrachten konnte Korinna inmitten des Flecks zwei kleine schwarze Punkte feststellen, die wie tiefe Einstiche einer Injektionsnadel aussahen, und beide einen Umfang von wenigen Millimetern aufwiesen.

„Hat sie die sich etwa beim Schlafwandeln zugezogen?“, dachte Korinna. „Stammen die Einstiche vielleicht von dem Dornenbusch im Garten? Wie oft habe ich Wolfgang gesagt, dass das Ding weg muss…“

Doch irgendein Teil von ihr – der, der sich stets tief unter der Oberfläche ihres Bewusstseins befand – wusste ganz genau, dass die Male nicht auf den Dornenbusch zurückzuführen waren. Der Teil von ihr, der für ihr eigenes Überleben und für das ihres Kindes verantwortlich war, hatte keine Zweifel daran, wer (oder was) diese Male in Wirklichkeit verursacht hatte. Aber die verführerische Stimme der Vernunft tönte noch viel zu laut, um die sanften Einflüsterungen des Verborgenen für Korinna hörbar zu machen.   

Sofie öffnete ihre Augen und setzte sich im Bett auf. „Mami, ich habe Durst“, sagte sie.

„Natürlich, Schatzi-Maus“, gab Korinna zurück, verschwand ins Badezimmer und kam Sekunden später mit einem mit Wasser befüllten Glas in der Hand wieder. Während Sofie trank, überlegte sie ununterbrochen, ob (und wenn, dann wie) sie ihre Tochter auf die vergangene Nacht ansprechen sollte.

„Liebes, hast du in der letzten Zeit etwas gesehen, was dir seltsam oder sogar erschreckend vorgekommen ist?“, fragte sie schließlich.

Sofie stellte das leere Glas auf den Boden.

„Auf einmal ist sie so dünn geworden…so unglaublich dünn“, dachte Korinna.

„Ich glaube nicht“, antwortete das Mädchen.

„Bist du immer noch sehr traurig wegen Oma?“

„Ich glaube schon.“

„Gibt es irgendetwas, was du mir oder deinem Vater verraten möchtest, dich aber nicht traust?“

„Nein, Mami, es ist alles wie immer.“

„Angenommen es gäbe doch etwas. Würdest du es uns dann erzählen?“

Sofie lächelte ein schwaches Lächeln. „Aber natürlich! Ihr seid doch meine Eltern!“

„Dann lass uns frühstücken“, sagte Korinna. „Ich mache uns Spiegeleier mit Ketchup.“

„Malst du mir auch ein Spiegeleigesicht auf den Teller?“, fragte Sofie.

Korinna nickte bereitwillig. Vielleicht hatte Wolfgang doch Recht und das Ganze lag an ihrer Periode?

Sofie stand auf und bückte sich, um ihre Leggings vom Boden aufzuheben. Als sie ihren Körper wieder aufrichten wollte, taumelte sie und musste sich an ihrem Nachttisch festhalten.

Besorgt legte Korinna ihr ihre Hand auf den Rücken. „Fühlst du dich nicht wohl, Schatzi-Maus?“

„Mir ist plötzlich so schwindelig geworden… Alles dreht sich vor meinen Augen“, stammelte Sofie.

„Dann ist es höchste Zeit für das Frühstück, würde ich sagen.“

***

Nach dem Essen begab sich Sofie in ihr Zimmer und verließ es stundenlang nicht. Trotz eines vollen Magens fühlte sie sich schlapp und unausgeschlafen. Sie hatte keine Lust zu spielen, konnte sich nicht einen Moment lang auf ein Buch konzentrieren, erschrak von jedem Geräusch.

Mit Abscheu dachte sie an den kommenden Abend, an die Dunkelheit hinter dem Fensterglas, die so tief und unbarmherzig sein werde, dass alle Freude und alles Glück darin ertrinken werden.

Das Mädchen wollte nicht, dass die Meerjungfrau wiederkäme. Es fand sie nicht mehr toll und wüsste nur zu gerne, wo Mirabelle gewesen sei. Etwas stimmte nicht mit der Nixe und es hatte mit dem dunklen Fleck an der Innenseite seines Oberschenkels zu tun.

Sofie war es nicht entgangen, dass ihrer Mutter der Fleck ebenso aufgefallen war. Sie ging zum Schreibtisch und strich mit der Hand über das Puppenstübchen.

Mit einem Mal wünschte sie sich Oma Gerda zurück, sie wollte ihr nahe sein, sie umarmen und ihr sagen, dass es ihr leidtue, so oft so unartig zu ihr gewesen zu sein. Tränen schossen Sofie in die Augen. Tränen, die bitter schmeckten, ihr jedoch Erleichterung brachten. Tränen, die schwerer waren als Granitbrocken und kostbarer als Diamanten.

***

Korinna saß mit einer Tasse Kaffee in der Küche am Rechner. Nachdem die Suchmaschine etliche Ergebnisse ausgespuckt hatte, machte sie sich daran, Telefonnummern mit dazugehörigen Namen aufzuschreiben. Nach einigem Herumtelefonieren schien sie endlich das, was sie gesucht hatte, gefunden zu haben.

„Dann morgen um 11:00. Vielen Dank!“, sagte sie und legte den Hörer auf.

„Ich habe vielleicht meine Tage, aber verrückt bin ich noch lange nicht!“, dachte sie und machte einen großen Schluck aus der Tasse.

***

Nach ausgiebigem Weinen nickte Sofie entkräftet ein und wachte kurze Zeit später wieder auf, weil ein kalter Regen gegen ihr Fenster hämmerte. Vom Bettrand aus blickte sie nach unten und stellte fest, dass der Boden von Brotkrümeln übersät war.

Das Mädchen stand auf. Die Brotkrümel führten wie eine von jemandem für sie hinterlassene Wegweisung aus der Kinderstube zur Treppe und dann weiter in das Erdgeschoß des Hauses. Sofie folgte der Spur. Weder Korinna noch Wolfgang schienen zu Hause zu sein, was dem Mädchen so nur recht war. Es schlich zur Haustür und ging hinaus in den Regen.

Der Brotkrümel-Pfad führte zum Krähenacker. Sofie wunderte sich ein wenig, dass so ein starker Regen die Brösel nicht weggespült hatte, hängte die Tatsache jedoch nicht an die große Glocke.

Die Ackerkrähen saßen gesittet am Feldrand und grüßten das Mädchen mit einem höflichen Kopfnicken. Diesmal hatte Sofie keine Angst vor ihnen, nicht wie in jener Nacht, in der sie der Meerjungfrau im Wald begegnet war.

Auf der Sitzbank am Spazierweg zwischen Wäldchen und Feld sah Sofie jemanden unter einem orangen Regenschirm sitzen. Sie ahnte, dass sie von dieser Person erwartet wurde. Der Schauer rauschte nun stärker und die Haare und die Kleider des Mädchens waren mittlerweile komplett durchnässt.

Der orange Regenschirm kam Sofie vertraut vor, sie konnte sich nur nicht mit Gewissheit daran entsinnen, wem er genau gehörte. Nur noch zweihundert Meter und sie stünde der Person auf der Sitzbank gegenüber.

Sofie drehte sich um. Die Ackerkrähen hatten den Rand des Feldes nun verlassen, um die im Regenguss aufquellenden Brotkrümel aufzupicken.

„Wie soll ich denn jetzt wieder nach Hause finden“; dachte Sofie und erschrak.

Ein Schritt nach dem anderen – trotz der Verunsicherung setzte sie ihren Weg zum orangen Regenschirm fort. Bald konnte sie die Kleidung und die Schuhe der Person darunter erkennen – es war derselbe grüne Anzug, in dem Oma Gerda begraben wurde.

„Oma, bist du es?“, rief Sofie.

Die Person im grünen Anzug winkte ihr zu.

Den restlichen Teil des Weges lief Sofie. Sie eilte so schnell sie konnte und ihre Füße, die nur mit einem Paar gestreifter Socken bekleidet gewesen waren, patschten laut durch die Matschpfützen auf dem Feldweg.

„Sachte, Kleines, sachte“, mahnte Oma und breitete die Arme aus, um ihre Enkelin darin einzuschließen.

Diese Art der Begrüßung war Sofie neu, sie ließ sich jedoch bereitwillig darauf ein und versank in Omas herzlicher Umarmung.

Die Umarmung war warm und roch nach Weihrauch und feuchter Erde, was Sofie als überaus angenehm empfand. Omas Gesicht sah wieder jugendlich frisch aus und ihre Hände wiesen keinerlei Pigmentflecken auf.

„Setz dich hin unter den Schirm, wir haben nicht viel Zeit“, sprach Gerda zu ihrer Enkelin. Sofie tat wie geheißen.

„Wenn du nicht sehr bald sehr scharf über deine Lage nachdenkst, wird alles ein böses Ende nehmen“, fuhr sie dann fort. „Sie weiß nun, wie sie dich findet. Sie folgt deiner Spur, wohin auch immer du gehen magst. Nur wenn du hier bist, spürt sie dich nicht auf – die Krähen sorgen dafür.“

„Aber was soll ich tun?“, flennte Sofie.

„Öffne dich deiner Mutter. Ein Mutterherz findet schon die Lösung.“

„Omi, es tut mir leid, dass ich so doof zu dir gewesen bin.“

Gerda seufzte: „Daran kann man nichts mehr ändern, Kleines. Ich trage dir nichts nach.“

„Was ist, wenn Mama mir nicht glaubt?“, fragte Sofie mit einer deutlichen Note der Verzweiflung in der Stimme.

„Das wird sie schon. Sie wird es glauben müssen.“

„Omi, ich will nicht tot sein.“

Gerda legte ihren Arm über Sofies Schulter. Die Regentropfen klatschten ohrenbetäubend laut auf die glatte, gebogene Oberfläche des Regenschirmes.

„Es gibt weit Schlimmeres, als tot zu sein, Kleines“, sagte sie. „Etwas weit Schlimmeres. Davor solltest du dich hüten.“

Sofie riss die Augen auf: „Was ist schon schlimmer, als tot zu sein?“

„Als Irrlicht zu leben.“

„Ich verstehe nicht.“

Omas Arm begann wie Sand zu zerrinnen. „Irrlichter weisen uns den Pfad ins Reich des Bösen. Sie sind alle verdammt.“

Mit diesen Worten verschwand Gerda Müller. Ihr Regenschirm fiel auf den matschigen Boden und wurde von einem heftigen Windstoß weggetragen.

Sofie erwachte ruckartig.

Fortsetzung folgt

 

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