Ich folge dir (Fortsetzung I)

Ich folge dir (Fortsetzung I)

Ich folge dir.

Aber vielleicht verfolge ich dich auch…

 „Frau Knipp, seien Sie beruhigt, Ihre Tochter hat nichts. Sie hat nur geschlafwandelt“, redete Dr. Hormes auf Korinna ein. “Im Normalfall erledigt sich das von ganz alleine.“

Sofie saß inzwischen im Warteraum und schaute sich die aktuelle Y-Heft-Ausgabe an.

Korinna, die die durch Erfahrung untermauerte Gelassenheit des Kinderarztes als Inkompetenz gedeutet hatte, gab nun ihr Bestes, um ihm vielleicht doch noch eine düsterere Diagnose zu entlocken.

„Sie haben sie heute Morgen nicht gesehen. Ihre Hausschuhe, ihr Pyjama waren voller Schlamm und das Gesicht leichenblass.“

Dr. Hormes seufzte: „Ihre Tochter war draußen im Garten und in der Nacht war es zugegeben frisch. Aber ihr Körper macht keinerlei Anzeichen einer Unterkühlung. Ihr geht es gut. Sie kann sich nicht einmal an die vergangene Nacht erinnern.“

„Was soll ich denn tun, wenn sie es wieder macht?“

Sichtlich bemüht, gelassen zu bleiben, wiederholte der Arzt erneut das, was er vor einigen Minuten schon mehrmals erzählt hatte: „Zuallererst Ruhe bewahren. Passen Sie auf, dass die Türen und Fenster im Haus verschlossen bleiben. Bewahren Sie den Haustürschlüssel außerhalb Sofies Reichweite auf. Werden Sie nicht panisch, falls Sie sie beim Schlafwandeln erwischen. Führen Sie sie so sanft wie möglich zurück ins Bett oder wecken Sie sie vorsichtig. Ich gehe jedoch stark davon aus, dass es bei diesem Einzelfall bleiben wird.“

Korinna schaute entnervt drein. „Würden Sie mir bitte ein Attest für die Schule ausstellen? Ich würde Sofie gerne ein paar Tage zu Hause behalten. Die Beerdigung hat ihr wohl doch schwerer zugesetzt als ich dachte.“

„Ja“, sagte Dr. Hormes und seufzte erneut. „Wenn es Ihr dringender Wunsch ist, dann bitte schön.“ Er stand auf und streckte Korinna seine runzlige, mit pergamentener Haut überzogene Hand entgegen. „Machen Sie es gut, Frau Knipp. Das Attest können Sie gleich an der Rezeption abholen. Das macht dann zwei Euro fünfzig.“

***

Die Annahme des Kinderarztes, Sofie könnte sich an ihre nächtliche Wanderung nicht mehr erinnern, war schlicht falsch. Dem Mädchen war es durchaus bewusst, wo und mit wem es die Nacht verbracht hatte.

Bevor Korinna sie zu Dr. Hormes geschleppt hatte, hatte sie ihr ganzes Zimmer nach Mirabelle abgesucht. Ohne Erfolg. Von der Fee fehlte jede Spur.

„Schatzi, sollen wir vielleicht Pommes und Burger essen gehen?“, fragte Korinna, nachdem sie die Arztpraxis verlassen hatten und ins Auto gestiegen waren.

Das einzige, was Sofie wollte, war wieder zu Hause zu sein. Sie musste schließlich ihr Zimmer für die Meerjungfrau hübsch machen.

„Ich habe keinen so großen Hunger und will nach Hause“, gab sie zurück.

Korinna zuckte mit den Schultern und startete den Wagen.

***

Zu Hause machte Sofie sich unverzüglich daran, ihr Spielzeug zu ordnen. Alles musste auf seinen Platz. Aus dem Schrank hatte sie sogar einen Satz frischer Bettwäsche hervorgekramt und überzog ihr Bett eigenhändig neu. Dan machte sie im Bad ihr altes Shirt feucht und wischte damit den Staub von ihrem Schreibtisch, auf dem immer noch die Puppenstube ihrer Träume stand.

Während dieser Aufräumaktion dachte sie ununterbrochen an die vergangene Nacht. Sie wusste nicht so recht, ob sie überhaupt wollte, dass die Meerjungfrau sie besuchen käme. Im Grunde genommen konnte Sofie sich glücklich schätzen, ein solches Abenteuer erlebt zu haben (Nicht jeden Tag laufen einem schließlich waschechte Feen und Meerjungfrauen über den Weg). Dennoch war ihr ein wenig unheimlich zumute. Vielleicht sollte sie lieber doch alles ihrer Mutter anvertrauen? Aber dann wäre Mirabelle mit Sicherheit stocksauer! Sie würde sich bestimmt nie wieder blicken lassen. Und was erwartete sie eigentlich von ihrer Mutter? Dass sie Verständnis dafür aufbrächte, dass es eine Märchenwelt gäbe? Dazu waren Eltern Sofies Meinung nach vollkommen außerstande.

„Du weißt, dass du nicht mit den Fremden reden darfst, oder? Und schlepp bloß keinen Unrat mit ins Haus, verstanden?“

Mit einem Schlag hatte sich das Mädchen an seinen Alptraum erinnert. Es fröstelte.

„Aber eine Nixe ist doch keine Fremde. Sie ist nicht einmal ein Mensch“, feilschte Sofie mit sich selbst.

Ein vorsichtiges Klopfen an die Tür unterbrach ihr inneres Verhandlungsgespräch.

„Du meine Güte!“, staunte Korinna, als sie das frisch geordnete Zimmer ihrer Tochter erblickt hatte. „Was ist denn in dich gefahren?“

Für gewöhnlich war Sofie kein sonderlich ordnungsbewusstes Kind. Das Höchste aller Gefühle bestand für sie darin, ihre getragenen Socken nach der zehnten Aufforderung in den Wäschekorb zu stecken.

Erwartest du etwa einen Gast, Schatzi?“, scherzte Korinna und streichelte Sofie übers Haar.

„Ja“, entgegnete das Mädchen und staunte über die Selbstverständlichkeit, mit der die Antwort ihre Lippen verlassen hatte.

„Und wer kommt denn alles? Ach, lass mich raten!“, Korinna faltete ihre Stirn und presste einen Zeigefinger ans Kinn. „Ich wette, es wird eine Prinzessin sein!“

„Eine Meerjungfrau“, korrigierte Sofie trocken.

„Na, dann wünsche ich euch eine tolle Party. Ruft mich, wenn ihr etwas braucht“, sagte Korinna, bevor sie hinter der Tür verschwand.

Sofie blieb alleine mit ihren Gedanken. Den Rest des Tages wartete sie auf den Besuch, aber weder Mirabelle noch die Meerjungfrau waren aufgetaucht.

Als Wolfgang von der Arbeit nach Hause gekommen war, konnte sie ihn und ihre Mutter unten flüstern hören. Das Mädchen schlich zur Treppe, um die geheime Unterhaltung ihrer Eltern mitzubekommen. Das tat sie öfters – ganz besonders dann, wenn ihr Geburtstag nahte und sie noch keinen blassen Schimmer hatte, was ihr Geschenk sein würde.

„Nein, nein, sie erinnert sich immer noch an gar nichts. Der Arzt sagte, alles wird sich von allein erledigen. Das mag ich aber so nicht hinnehmen! Der alte Pferdedoktor wollte mich nur abwimmeln…“, sprach Korinna.

„Was hat unsere Maus den ganzen Tag getrieben?“

„Nichts Besonderes, außer dass sie auf einmal ihr Zimmer aufgeräumt hat.“

„Nun, dafür gab’s aber auch höchste Zeit!“ Wolfgang klang belustigt.

„Ach ja“, Korinnas Stimme klang so, als würde sie lächeln, „sie hat eine Meerjungfrau zu Besuch.“

„Unsere Tochter hat eine hervorragende Fantasie“, sagte Wolfgang, bevor Sofie hörte, wie er die Badezimmertür hinter sich zuzog.

***

Zu Abend gab es Backkartoffeln mit Kräuterquark und Putengeschnetzeltes. In der Küche roch es köstlich! Ein Fest der Sinne, wie Wolfgang manchmal zu sagen pflegte. In der Regel wäre Sofie jetzt fröhlich durch das Haus gehüpft, in Erwartung, sich die schönste Backkartoffel aussuchen zu dürfen. Alles wäre wie sonst gewesen, wenn diese drückende Unruhe bloß nicht angefangen hätte in ihr zu wachsen, nachdem die ersten Schatten der Dämmerstunde sich auf die Straßen gelegt hatten.

Noch nie zuvor hatte sie sich vor der Dunkelheit fürchten müssen. Im Sommer machte sie des Öfteren spätabendliche Taschenlampen-Erkundungstouren mit ihrem Vater und es wäre ihr nicht einmal in einem Traum in den Sinn gekommen, dabei ängstlich zu werden.

Jetzt dennoch, obwohl sie sich daheim befand, fühlte sich die Abenddämmerung wie ein Grabstein auf ihrem Herzen an. Ihr war zum Heulen zumute.

„Frau Nasic kam heute erneut mit Verspätung ins Büro“, klagte Wolfgang.

„Die scheint aber unheimlich viel Wert aufs Betriebsklima zu legen“, entgegnete Korinna und verzog das Gesicht.

Unter anderen Umständen wäre Sofie bei so einem Erwachsenengespräch ganz Ohr gewesen, hätte Fragen gestellt und ihre Eltern mit ihrer forschenden Art garantiert zum Lachen gebracht. Doch nun wünschte sie sich einzig und alleine eine Fernbedienung, mit der sie Korinna und Wolfgang hätte stumm schalten können. Sie wollte ihren halbvollen Teller gegen die Wand knallen und dann losbrüllen, brüllend hinauslaufen, weg von hier, immer in Richtung Sonnenaufgang.

Stattdessen blieb sie am Tisch sitzen, bis alle Teller leer wurden.

***

Dem Familienplaner zufolge, den Korinna Tag für Tag akribisch führte und anpasste, war an jenem Abend ihr Mann an der Reihe, Sofie ins Bett zu bringen. Als eine moderne Mutter von heute, die Bild der Frau und Cosmopolitan las, hielt sie eine gerechte Aufgabenverteilung im Haushalt für unablässig.

Nach dem Zähneputzen lag Sofie in ihrem Bett. Die Unruhe verstummte ein wenig und sie war froh, am nächsten Tag nicht in die Schule gehen zu müssen.

„Mama hat mir erzählt, du hattest heute eine Nixe zu Besuch“, sagte Wolfgang.

Sofie nickte.

„Hat sie auch einen Namen?“

Sofie schüttelte den Kopf.

„Na gut, dann kannst du mir vielleicht verraten, wo die ganzen Wikinger hin sind?“

„Welche Wikinger denn?“ Ein listiger Lachfunke flammte in Sofies Augen auf.

„Na die, die dein Zimmer stets so verwüstet haben.“

Der Funke rutschte in Sofies Nase und kitzelte dort wie eine Feder. Dann prustete sie los, explodierte förmlich wie ein sprudelndes Feuerwerk.

Die Unruhe kroch in ihre dunkle Höhle zurück.

„Ich habe dich so lieb, Papi!“, sagte das Mädchen. „Es ist wirklich toll, dass ich ausgerechnet dich als Vater bekommen habe.

Wolfgang umarmte seine Tochter innig. „Gute Nacht, Schatzi-Maus. Denke immer daran, dass deine Mutter und ich dich über alles lieben.“ Er knipste das Licht aus. Er ging hinaus. Die Dunkelheit hüllte das Land ein.

***

Sofie wurde wach, weil jemand ihre Schulter streichelte. Schlaftrunken öffnete sie die Augen und versuchte mit der Hand den An-Knopf ihrer Nachttischlampe zu ertasten. Als das Licht anging, sah sie die Meerjungfrau auf ihrer Bettkante sitzen.

„Du bist doch gekommen“, flüsterte Sofie. „Ich habe mein Zimmer für dich zurechtgemacht.“

„Das ist schön“, antwortete die Nixe und streckte dem Mädchen ihren Kamm entgegen.

Wie schön sie doch war, dachte Sofie. Noch viel schöner, als die aus dem Film.

„Wo ist Mirabelle?“, fragte sie.

„Es spielt keine Rolle“, entgegnete die Meerjungfrau. „Kämm mir das Haar.“

***

Korinna hatte schlecht geträumt. An die Einzelheiten des Traumes vermochte sie sich nicht mehr zu erinnern, konnte dennoch das ungute Gefühl, das er ausgelöst hatte, nicht loswerden.

Sie musste pinkeln.

Auf der Toilette sitzend, fiel ihr plötzlich auf, dass sie vergessen hatte, vor dem Schlafengehen den Haustürschlüssel zu verstecken. Auf leisen Sohlen glitt sie die Treppe hinunter, zog den Schlüssel ab und begab sich wieder nach oben.

Als sie an Sofies Zimmer vorbeiging, konnte sie durch den Spalt zwischen Türblatt und Boden das Licht durchschimmern sehen.

„Das ist ja etwas Neues!“, dachte sie. „Zuletzt schlief sie im Hellen, als sie fünf war.“

Leise öffnete sie die Kinderzimmertür und konnte ihren Augen nicht trauen, weil sie das sah, was sie sah.

Sofie saß auf dem Bett und starrte ins Nichts. Auf ihrem Schoß – der Kopf einer Frau, deren rostbraunes, dreckiges Haar die komplette untere Körperhälfte ihrer Tochter bedeckte. Wie in Trance fuhr das Mädchen mit der Hand durch diese ekelerregenden Zotteln. Und auf dem Boden vor dem Bett lag etwas Riesenhaftes zusammengerollt.

In stummer Ratlosigkeit begriff Korinna, dass es sich dabei um den Schwanz einer Schlange handelte.

Sie wollte losschreien, ihr Kind packen und wegtragen, doch in diesem Moment wandte Sofie das Gesicht zu ihr. Mit einem abwesenden, lethargischen Blick schaute sie ihre Mutter an. Dann presste sie sich einen Finger an die Lippen.

„Nicht wecken“, sprach sie.

Diese Worte verschlugen Korinna den Atem. Sie taumelte hilflos. Ihre Beine versagten ihr den Dienst. Nun war sie an der Reihe, ohnmächtig zu werden.

…Fortsetzung folgt…

 

 

 

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