Der Neue

Der Neue

Der Neue ist in der Stadt.

Wer will sein Gast sein?

 

Es war noch sehr früh am Morgen, aber Ingrid Trautwein rauchte bereits auf dem Balkon.

„Dreimal früh aufstehen macht einen ganzen Tag!“, pflegte ihre Mutter zu sagen. Und es war Ingrids Meinung nach das Einzige, womit sie je Recht hatte.

Als Erstes fielen ihr die Schwalben auf. Noch gestern waren sie nicht da und jetzt sausten sie fröhlich durch die Luft und ihr Gezwitscher ließ eine himmlische Wärme in ihr aufsteigen.

„Der Sommer kommt“, dachte sie und verfiel in eine sentimentale Tagträumerei, in der sie wieder jung und faltenfrei war und die Kontrolle über ihre Blase noch nicht verloren hatte.

Dann bemerkte sie, dass das Zu-verkaufen-Schild am Fenster des alten Lohmann-Hauses fehlte.

„Das gibt es doch nicht!“, flüsterte sie und klopfte sich mit Wucht auf den Oberschenkel. „Jemand hat die wurmstichige Rostlaube tatsächlich gekauft!“

Die Zigarette am Rand des Aschenbechers abgelegt, eilte sie ins Haus, direkt ins Schlafzimmer, wo der Mann, der seit nunmehr 45 Jahren ihr Ehegatte war, sich gerade die Pyjamahose auszog und somit die um seine Oberschenkel schlabbernden, gestreiften Liebestöter zur Schau stellte.

„Karl-Heinz, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!“, fuhr sie ihn, noch in der Türschwelle stehend, an. „Wie kommt es, dass du von Montag an dieselbe Unterhose trägst?“

Karl-Heinz schlug die Augen nieder und zog schuldbewusst den Kopf ein. Seine Frau stampfte indessen zum schweren Eichenschrank hinüber und kramte ein frisch duftendes, gestärktes Wäschestück aus der unteren Schublade hervor. Ingrid Trautwein gehörte zu der aussterbenden Sorte Hausfrauen, die ihre Wäsche in der Tat noch stärkte: So und nur so führte man einen anständigen Haushalt und basta! Sie warf das gute Stück aufs Bett.

„Hier, sieh zu, dass du dich umziehst!“

„Was hat dich denn für eine Tarantel gestochen?“, fragte Karl-Heinz.

„Der Makler“, sagte sie, kniff ein Auge zu und hob den Zeigefinger, „der für Erwins Bude zuständig ist, hat wohl einen Dummen gefunden, der die gekauft hat.“ Dabei klang sie fassungslos und verschwörerisch zugleich.

Karl-Heinz hob die Augenbrauen. „Ach was! Woher weißt du das?“

„Das Faltschild, das die ganzen Jahre am Fenster befestigt war, ist jetzt weg!“

„Das muss doch nichts bedeuten. Ist vielleicht vom Sturm abgefallen.“

Ingrid stemmte ihre Hände in die Hüften. „Was für ein Sturm? Die Nacht war windstill und das Schild gestern noch da. Was sagst du dazu?“

„Ist mir egal“, brummte Karl-Heinz. „Ich habe Hunger und will frühstücken.“

 

***

Dank Ingrids Bemühungen erfuhren alle Nachbarn ohne Ausnahme spätestens zur Kaffeezeit des darauffolgenden Tages, dass das Lohmann-Haus einen neuen Eigentümer bekommen hatte. Dieses Wissen versetzte ganze Straßen in helle Aufregung.

…Hoffentlich parkt der Neue ordentlich und nicht wie diese Redemann…

…Hast du schon gehört, er soll Knete haben wie Krösus. Es wird bestimmt eine dieser Briefkasten-Firmen eröffnet oder so…

…Nein, wirklich? Das Haus wird abgerissen? Na, dann gute Nacht zusammen! Das wird einen Krach geben!…

…Was? Ein Kinderschänder ist auf freiem Fuß?…

Die Telefonleitungen glühten wie heiße Kohle; die in einen summenden Bienenstock verwandelte Wohnsiedlung hielt den Atem an in Erwartung einer Sensation: Eine Anspannung lag in der Luft und verdickte sie so, dass sie fast schon greifbar schien.

Als einige Tage später die ersten Baufirmenfahrzeuge vor dem Haus standen, drohte die Gerüchteküche überzukochen. Neugierig spazierten die Schaulustigen am Haus vorbei, blieben eine Weile stehen, machten Fotos von auf dem Grundstück gefällten Tannen.

Ingrid hielt täglich Wache auf dem Balkon, in der Hoffnung, den Neuen als Erste zu Gesicht zu bekommen. Und eines Nachmittags wurde ihr Arbeitsaufwand schließlich von Erfolg gekrönt.

Was sie sah, brachte ihr jedoch nichts als Enttäuschung: Der Neue (an der geschäftigen Art, mit der er die Baustelle inspizierte, erkannte Ingrid sofort, dass er das gewesen war) stieg aus einem stinklangweiligen, schwarzen Volkswagen Touran und hatte ein stinklangweiliges langärmliges Polohemd an. Seine Frisur machte einen ebenso aussagekräftigen Eindruck, wie eine Bewerbung um eine Arbeitsstelle als Tankwart. Er hätte gleichermaßen ein Handelsvertreter, ein Zeuge Jehovas oder auch ein Bankangestellter sein können. Summa summarum: eine graue Maus.

Am Äußeren des Neuen gab es nichts, worüber einer sich hätte aufregen können und das empfand Ingrid als eine persönliche Beleidigung. Aber mit der Zeit würde sie schon etwas auszusetzen finden, denn genau das ist das wertvollste Talent eines jeden Nachbarn. Und sollte sie doch nichts entdecken, würde sie sich eben daran hochziehen, dass es nichts zu entdecken gab. Herr im Himmel, sie wollte hetzen! Ihr ganzes Wesen verlangte danach. Sie wollte hinterrücks reden, tratschen, jemanden in den Schmutz ziehen, Intrigen spinnen und sich später daran ergötzen. Jedes Mal, wenn sie es tat, fühlte sie sich wie eine Darstellerin in einer jener TV-Serien, die sie jeden Nachmittag so gierig verschlang.

Ingrid verließ ihren Wachposten, ging ins Wohnzimmer und nahm das Telefon in die Hand. Sie wählte die Nummer von Ilse Siegburg, einer greisen Schachtel, die scheinbar abgenutzter war als die Zeit selbst, ihre Lust am Lästern jedoch noch nicht verloren hatte.

Während sie dem Freizeichenton lauschte, dachte sie an Erwin Lohmann, an den alten lieben Erwin, der einst jeden Freitag mit dem Fahrrad zum Wochenmarkt fuhr, um sich dort Backfisch zu kaufen. Erwin – der zweifache Schützenkönig von Burgloh und der galanteste Kavalier der Stadt.

Wie oft träumte sie insgeheim, Karl-Heinz eines Tages zurückzulassen, alles zurückzulassen und mit Erwin durchzubrennen. Sie träumte und träumte und wurde dabei weder jünger noch schlanker.

Und der liebe Erwin wurde vor genau sieben Jahren verrückt. Zuerst grub er in seinem Garten friedlich nach dem Skythengold, dann malte er eine riesige Swastika auf die Fassade seines Hauses und irgendwann fand man ihn in seinem Schlafzimmer, von der Decke herabbaumelnd, mit einem Zeitungsausschnitt in der Brusttasche, in dem es um Zwangskastrationen von Homosexuellen im Dritten Reich handelte.

Die Autopsie ergab, dass seine Hoden entfernt waren.

„Siegburg am Apparat.“

Diese Meldung riss Ingrid aus ihren Erinnerungen heraus.

„Ach, hallo, Liebes!“, sagte sie hastig. „Hör‘ mal, ich habe gerade den Neuen gesichtet.“

***

Als Frauke Pahl eine Woche später ihren abendlichen Spaziergang unternahm, nahm sie den Weg, der zum Lohmann-Haus führte. Seit kurzer Zeit war es für sie zu einem Ritual geworden.

Jedes Mal versuchte sie im Vorbeigehen durch das Erdgeschoßfenster hineinzulugen, um somit den Fortschritt der Sanierungsmaßnahmen zu begutachten.

Was ihr an jenem Abend jedoch auffiel, war ein an der Hauswand befestigtes, altmodisches Aushängeschild. „Georg Brassel“, stand darauf in schwarzen gotischen Lettern. „Ihr Fachmann für esoterische Heilkunde. Sprechzeiten von 10:00 bis 13:00 oder nach telefonischer Vereinbarung.“

Fraukes Pupillen erweiterten sich vor Aufregung. „Das ist ja ein Zufall!“, dachte sie. „Erst vor ein paar Tagen habe ich darüber nachgedacht.“ Sie berührte das um ihren Hals hängende Nazar-Amulett. „Und – siehe da! – der Berg kommt selbst zum Propheten.“ 

Der Grund, warum sie ein derlei extravagantes Etablissement aufsuchen wollte, lag schlicht daran, dass sie seit ein paar Monaten an Verstopfung litt und sich sicher war, zum Opfer eines bösen Blicks geworden zu sein.

Nachdem sie ihre Sorge einer Bekannten aus dem Forum für weiße Magie anvertraut hatte, erzählte ihr diese die Geschichte über eine an ihr selbst durchgeführte esoterische Chirurgie, deren Zweck die Beseitigung eines gefährlichen Schadenzaubers gewesen sei. Am Ende der Sitzung holte die Seelenchirurgin aus dem Magen ihrer Patientin einen kleinen Jutebeutel mit Haaren, Nägeln und einem getrockneten Froschbein darin, was gleichermaßen überzeugend wie beeindruckend aussah.

Dieser Bericht bekräftigte Fraukes Verdacht nur und brachte sie zum Nachsinnen über eine Visite bei einem Schamanen.

Aber „Fachmann für esoterische Heilkunde“ klang noch viel besser. Sie würde seine Dienste unbedingt in Anspruch nehmen wollen und je schneller, desto besser. Doch Vorsicht war geboten: Leute redeten viel und sie mochte auf gar keinen Fall dabei beobachtet werden, eine solche Einrichtung zu betreten.

Sie tippte die Telefonnummer auf dem Werbeschild in ihr Handy ein und drückte auf „Speichern“. Dann ging sie freudvoll ihres Weges.

 

***

„Schau mal einer an!“, triumphierte Ingrid, als sie sah, wie Frauke die Nummer des Neuen abspeicherte. „Die dämliche Hippie-Tussi hat es auch mit der Blase zu tun!“

Bisweilen sprach Ingrid mit niemandem über ihre Inkontinenz, nicht einmal mit ihrem Mann: Es war ihr Geheimnis und sie wäre lieber auf der Stelle tot umgefallen, als dass sie sich jemandem offenbarte. Eine Ehrensache war es.

Die Slipeinlagen, die sie stets heimlich kaufte, verstaute sie in einem Ordnungskorb aus Filz, der auf dem Boden ihres Kleiderschrankes, direkt hinter den Schuhkartons, in denen sie ihr Strickzeug aufbewahrte, stand.

Ingrids letzter Frauenarztbesuch lag Jahrzehnte zurück, sodass auch ihm nichts hätte auffallen können. Und Doktor Wellhöfer, der Hausarzt, bekam sie unter der Gürtellinie erst gar nicht zu sehen.

Als sie am Tag zuvor das erste Mal sah, was auf dem Werbeschild an der Fassade des alten Lohmann-Hauses stand, fing sie an, sehr scharf nachzudenken.

„Georg Brassel“, lautete die Aufschrift, „Neuartige patentierte Therapie bei Blasenschwäche.“

„Vielleicht tue ich das doch. Es wäre jedenfalls schön, wenn ich während des nächsten Urlaubs, wie alle anderen, in einem Badeanzug am Strand liegen könnte, ohne mir ständig Sorgen machen zu müssen, dass etwas danebengeht.“

Der Werbeslogan auf dem Schild wirkte auf sie wie ein Magnet: So, als werde sie von jemandem eindringlich gerufen, so, als sei es das einzig Richtige, zum alten Lohmann-Haus zu huschen, die Klingel zu betätigen und dann hineinzugehen. Dort würde ihr bestimmt geholfen: Das spürte sie einfach.

***

Karl-Heinz konnte den Aufruhr, der durch den Verkauf von Erwins Haus entstand, überhaupt nicht nachvollziehen. Was sollte schon an einem Verkäufer von Manschettenknöpfen so interessant sein? Und wer brauchte eigentlich Manschettenknöpfe in dieser winzigen Stadt? Der Laden war doch jetzt schon zum Scheitern verurteilt.

Ach ja, die jungen Leute von heute… Zuerst studieren sie BWL und dann eröffnen sie lebensuntaugliche Geschäfte, ohne auch nur einen Hauch von Geschäftssinn oder Fingerspitzengefühl zu besitzen. Der Neue hätte mal lieber eine Apotheke betreiben sollen.

 

…Fortsetzung folgt…

2 thoughts on “Der Neue

  1. Gut geschrieben, sehr bildlich direkt aus dem Leben, mit morbidem Hintergrund der Unheil ahnen lässt. Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung 🙂

    LG Gaby

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