Der Neue (Fortsetzung)

Der Neue (Fortsetzung)

Der Neue ist in der Stadt.

Willst Du sein Gast sein?

 

Larissa Tengelmann war vor genau 17 Tagen volljährig geworden.

Sie war eine dieser wunderschönen Gymnasium-Halbgöttinnen, ausgestattet mit der Nachbildung einer Louis-Vuitton-Handtasche, perfekt gestylt, langhaarig und großgewachsen.

Da Larissa sich dieser Vorzüge durchaus bewusst war, gab es für sie nur einen Weg, der ihrer würdig zu sein schien: Und zwar den eines Fotomodels. Ihre Eltern vertraten dagegen eine Meinung, die sich vom Vorhaben ihrer Tochter im Kerne unterschied: Sie wollten sie in einem Beamtensessel sehen.

Aber jetzt war Larissa achtzehn und brauchte somit keine elterliche Erlaubnis mehr, um eine Model-Karriere zu starten. Ihre beste Freundin Lisa, die nur halb so groß und schön war wie sie selbst (und wahrscheinlich genau aus diesem Grund überhaupt zur besten Freundin wurde), lichtete sie mit einer kleinen Digitalfotokamera in unterschiedlichen Posen vor verschiedenen Kulissen ab; die Bilder ließ Larissa in einem Drogeriemarkt in der Nachbarstadt entwickeln und besaß schon bald ein kleines Portfolio: Alles, wie sie es im Fernsehen gesehen hatte – einmal sexy, einmal ungeschminkt, einmal lässig, einmal wild… Dabei sahen alle Variationen zum Verwechseln gleich aus.

Als Larissa an einem fast schon sommerlichen Samstagmorgen mit dem Fahrrad zum Bäcker fuhr, um einen Laib frisch gebackenes Bauernbrot zum Frühstück zu erwerben (selbstverständlich nur für ihre Eltern, denn sie selbst rührte seit über einem Jahr kein Brot mehr an. Kohlenhydrate machten ja bekanntlich dick und ein in absehbarer Zukunft international gefragtes Top-Model durfte auf gar keinen Fall Speck ansetzen), fuhr sie nicht, wie gewohnt, die Hubertusstraße entlang, sondern bog in den Azaleenweg ein, bis sie dann zwei Minuten später auf den Gladiolenweg gelangte, wo das alte Lohmann-Haus stand, das ihr schon als Kind eine irre Angst einjagte, weil es so heruntergekommen und geheimnisvoll wirkte.

Es überraschte sie zu sehen, dass die Außenwände neu gestrichen und die halb ausgetrockneten Tannen aus dem Vorgarten verschwunden waren. Entlang der kompletten Vorderseite des Hauses wurde ein Baugerüst aufgestellt und die Metall-Fensterrahmen hatten Platz für neue Weiße aus Kunststoff gemacht. Alles in allem machte das Haus jetzt einen viel freundlicheren Eindruck. Larissa fuhr näher heran. Dann sah sie das Aushängeschild.

„Modelagentur Georg Brassel. International Model Management.“

Die kursive Schrift strahlte in einem himmlischen Pink und kam Larissa auf Anhieb sehr vertrauenswürdig vor. „Das wird meine erste Anlaufstelle sein!“, beschloss sie und fuhr davon mit einer herzzerreisenden Vorfreude in der Brust.

***

Der Neue ließ sich nicht oft blicken. Er mied Gespräche und knüpfte keine Kontakte in der Nachbarschaft; Einladungen zu Kaffee und Kuchen lehnte er höflich ab. Manchmal konnte man beobachten, wie er in sein Auto stieg und wegfuhr; noch seltener parkte ein Lieferwagen vor seiner Tür: Der Neue ging niemals einkaufen, sondern ließ sich beliefern.

Niemand konnte sagen, welche Art Mensch er gewesen sei.

Hätte die Polizei nach ihm gefahndet, wäre keiner in der Lage gewesen, eine Beschreibung für die Erstellung eines Phantombilds abzugeben. Er war da und er war nicht da. Wie ein Schatten, wie eine Fata Morgana.

***

Frauke hielt das Telefon in der Hand und starrte es angespannt an: Anrufen oder nicht anrufen? Ihr Leiden hatte sich seit gestern verschlimmert und bereitete ihr immer stärkere Bauchschmerzen.

Dann gab sie die Nummer doch noch ein und drückte die grüne Taste.

„Brassel, esoterischer Heilpraktiker“, meldete sich eine tiefe, melodische Männerstimme. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Leicht stotternd, erzählte Frauke ausführlich über den Zweck ihres Anrufs. „Behandeln Sie die Sache auch vertraulich?“, erkundigte sie sich am Ende des Monologs.

„Selbstverständlich“, erwiderte der Neue. „Welche Uhrzeit wäre Ihnen genehm?“

„So früh wie möglich.“

„Sagen wir, morgen um 07:00?“

„Ja. Und noch etwas…“, sie holte tief Luft.

„Ich bin ganz Ohr.“

„Ich möchte nicht, dass jemand sieht, dass ich Sie besuche. Es wird immer so viel Unsinn gesprochen, Sie wissen schon…“

„Das dürfte kein Problem darstellen“, sagte der Neue beruhigend. „Benutzen Sie einfach den Hintereingang.“

***

Zu Lebzeiten von Erwin Lohmann war die einzige Person, außer ihm selbst, die Interesse an seinem kleinen, unscheinbaren Hintereingang besaß, Klaus, der Briefträger. Dort war nun mal der Briefkasten befestigt. Laut Meldebehörde befand sich das Haus auf der Breiten Straße. Der Haupteingang und somit der gesellschaftliche Teil des lohmannschen Domizils lag jedoch auf dem Gladiolenweg.

Als Frauke vor einer bröckeligen Treppe stand, deren vier Stufen sie von einer Holztür mit abblätternder Farbe trennten, überkam sie ein mulmiges Gefühl. „Sei nicht albern“, dachte sie. „Es liegt am Wetter. Sonst nichts.“

Der Tag hatte gerade erst begonnen, aber die Schwalben befleißigten sich schon, laut zwitschernd, des Insektenfangens. Sie flogen tief, was auf einen bevorstehenden Regenfall hindeutete. Und obwohl der Himmel nur wenige Schleierwolken zur Schau stellte, fühlte sich die Morgenluft bereits klamm an.

Der Hinterhof, auf dem Frauke sich befand, sah verwahrlost aus. Überall waren Überbleibsel der Handwerksarbeiten verstreut: Späne, Folienfetzen, Farbtöpfe…

„Vorne hui, hinten pfui!“, dachte sie und fröstelte. Die ganze Sache kam ihr plötzlich unheimlich vor. Auf einmal wollte sie diese Treppe nicht mehr emporsteigen, wollte nicht an diese abgewetzte Tür klopfen, sondern nur weglaufen; vielleicht sogar einen herkömmlichen Mediziner aufsuchen und sich von ihm Medikamente verschreiben lassen.

Doch im selben Moment, in dem sie das Grundstück des Lohmann-Hauses fast schon verlassen hatte, ging die Tür auf und der Neue erschien.

„Frau Pahl“, sprach er, „nur bitte keine falsche Scheu.“ Diese Begrüßung blies dank ihres herzlichen Tons alle Zweifel, die Frauke plagten, augenblicklich fort. Sie lächelte beschämt, als sei sie ein Kind gewesen, das Süßes ohne Erlaubnis genascht habe.

Brassel machte eine einladende Handbewegung. „Kommen Sie doch ruhig herein“, bat er.

Von innen wirkte das Haus weit weniger beängstigend. Eigentlich sah es ganz normal aus: hell, gemütlich, nicht zugestellt. An den Wänden hingen eingerahmte Zertifikate, abstrakte Malereien und astrologische Poster, die allesamt einen unaufdringlichen sowie stilvollen Eindruck machten.

„Im Erdgeschoß wurde zum Glück schon fertig renoviert“, sagte der Neue. „Somit kann ich ungestört meiner Arbeit nachgehen. Oben sieht’s dagegen noch ziemlich ungemütlich aus.“ Er seufzte und lächelte gequält.

Frauke folgte ihrem Gastgeber durch einen langen Flur bis hin zu einem mit Orientteppichen ausgelegten Raum, in dem sich nur ein Schreibtisch mit zwei Sitzmöglichkeiten, ein antiker Sekretär und ein Bücherregal befanden.

„Nehmen Sie bitte Platz.“ Brassel zeigte auf einen der beiden mit Samt verkleideten Polsterstühle. „Ich möchte Ihnen den Verlauf der Behandlung ein wenig näher erklären.“

Frauke setzte sich hin und legte die Hände brav auf den Schoß. Das letzte Mal, als sie beim Sitzen diese Pose eingenommen hatte, lag etliche Jahrzehnte zurück in ihrer Grundschulzeit. Der Neue strahlte sie an: „Entspannen Sie sich doch! Es wird nichts passieren, was Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten würde.“

„Der Sinn der Therapie, die ich Ihnen anbiete, Frau Pahl“, fuhr er fort, „besteht darin, Ihnen ein neues Bild Ihres eigenen Körpers zu präsentieren. Dieser Prozess soll dazu dienen, Ihre körpereigenen Heilkräfte zu aktivieren und Ihre innere Mitte – Ihr alternatives Ich sozusagen – zu entdecken.“  Während er sprach, zeichneten seine Hände fließende, in sich stimmige Figuren in der Luft.

Dieser Mann war im Reden geübt, das merkte Frauke rasch.

„Jeder Mensch trägt in sich eine ihm vom Universum geschenkte Energiequelle, die seinen Geist nährt. Insbesondere bei Frauen kann solch eine Quelle sehr großzügig ausfallen.“ Der Neue leckte sich die Lippen. „Unsere Aufgabe ist es, diese Quelle anzuzapfen und zu Ihren Gunsten zu gebrauchen. Können Sie mir folgen?“

Frauke nickte zustimmend. Sie fühlte sich auf einmal so müde, so unglaublich müde…

„Jetzt müssen wir aber leider zum geschäftlichen Teil schreiten“, sagte Brassel und holte ein Blatt Papier aus der Schreibtischschublade hervor. „Es ist ein Vertrag, in dem der Preis, die Dauer und die genaue Art der Therapie geschildert sind. Lesen Sie es durch und, falls Sie einverstanden sind, unterzeichnen Sie gleich hier.“  Mit dem Zeigefinger tippte er auf die untere rechte Ecke des Blatts.

Vergeblich bemüht, wachsam zu wirken, überflog Frauke die Zeilen des Vertrags, ohne das Geschriebene auch nur annähernd zu verstehen. Sie gähnte, entschuldigte sich und unterschrieb.

„Wunderbar“, sagte Brassel. „Dann möchte ich Ihnen das Behandlungszimmer zeigen.“

***

Es war ein großes Zimmer. Ein sehr großes sogar. Wäre Frauke etwas weniger müde gewesen, hätte sie sich gefragt, wie in aller Welt dieses eigentlich kleine Einmannhaus über so einen riesigen Saal verfügen konnte.

„Treten Sie ein“, sagte Brassel. „Sie werden staunen.“

Und so war es auch.

Überall an den Wänden hingen Spiegel: Barock- und Rasierspiegel, einfache IKEA-Exemplare, Zerrspiegel, Schminkspiegel, ovale, rechteckige und wellenförmige Spiegel… Frauke schaute nach oben: An der Decke waren sie auch. Und auf dem Boden. In ein gedämpftes Licht getaucht, wirkte der Raum surreal.

Erstaunt umherblickend, merkte sie nicht, wie der Neue hinausging und die Tür von außen verriegelte. Dann hörte sie etwas und das, was sie hörte machte sie augenblicklich hellwach: Es war, als hätten tausend Menschen gleichzeitig Atem geholt.

„Herr Brassel“, rief Frauke. „Ich möchte hier raus!“ Ihr Herz klopfte wie verrückt. Ein Feuerball aus Panik flammte in ihrer Brust auf und rutschte dann tiefer: zuerst in die Magengrube und anschließend immer weiter nach unten, bis er ihre Lenden erreichte. Von dort aus wirkte die Angst wie eine Spinalanästhesie: Frauke spürte ihre Beine nicht mehr, wusste sie nicht mehr zu gebrauchen.

Wie angewurzelt stand sie da, bis ihre Augen eine Bewegung wahrnahmen. Eine schattenähnliche Gestalt bewegte sich hinter den glatten silbrigen Oberflächen, glitt auf eine physikalisch scheinbar unmögliche Weise aus einem Spiegel in den anderen, ohne die Wandverkleidung aus grauem Naturstein dazwischen zu berühren.

Und sie kam näher.

In nur wenigen Sekunden erreichte der Schatten den großen Standspiegel, der direkt vor Frauke aus dem Boden ragte, das Gestell im Stein fest verankert.

Frauke wollte schreien und kreischen und schreien und kreischen, bis ihr das Blut aus dem Hals kam, als sie sah, was sie sah. Aber sie blieb stumm, als hätte man ihren Mund mit einem unsichtbaren Garn zugenäht.

Die Körperkonturen des Wesens, das Frauke anstelle ihres eigenen Spiegelbilds anglotzte, vibrierten, verschwammen ständig und fügten sich erneut zu grotesken Figuren, deren unbedeckte Glieder abscheulich hervortraten, zusammen.

Und es war weiblich.

Trotz Schockstarre konnte Frauke deformierte Brüste und eine Ritze zwischen den Beinen des Wesens erkennen.

Zunächst sah die Gestalt im Spiegel wie die Nachahmung einer langhaarigen Frau mit einem durch Pestbeulen verunstalteten Körper aus. Ihre Haut war grau und ein irres Lächeln spielte um ihre rissigen Lippen. Im nächsten Augenblick besaß sie bereits vier Arme und eine schwarze Zunge rollte aus ihrem von Fäulnis befallenen Mund heraus.

Frauke schloss hilflos die Augen, und als sie sie wieder öffnete, wuchsen dem Ding im Spiegel nachtfalterähnliche Flügel aus dem Rücken.

„Wer bist du?“, flüsterte Frauke und spürte, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen.

„Ich bin Morana, die Todbringende“, sprach die Gestalt mit einer Stimme, die wie Donner klang. „Ich bin Kali, die Schwarze! Mein Name ist Ištar! Nemesis ist mein Name! Yamauba heiße ich auch! Nenne mich Alekto! Nenne mich Megeira! Nenne mich Tisiphone oder erwähne mich gar nicht, denn ich überdauere!“

Willenlos, wie eine Marionette, starrte Frauke in den Spiegel. Ihr Verstand nahm nicht mehr wahr, wie ein unaussprechliches Gebet aus ihrer Kehle drang und wie sie dann den Mund so weit geöffnet hatte, dass ihr Kiefer brach. Sie verspürte keine Furcht, als Die-aus-dem-Spiegel das Leben aus ihrem Körper heraussog, denn es war notwendig: Das Universum wollte es so. Unter allen Geschöpfen dieser Erde gibt es jene, die Hunger haben, und jene, die diesen Hunger stillen müssen.

So ist das Gesetz der Macht.

***

Als es vorbei war, betrat Brassel den Raum. Es roch nach Moder und noch nach etwas Anderem, das ihn an den Sauerkrauteintopf seiner Oma erinnerte. Auf dem Boden neben dem Standspiegel lag ein schwarzes, erbsengroßes Klümpchen, das im Halbdunkel samtig glänzte.

Brassel hob das Klümpchen auf, legte es sich auf die Zunge und schluckte es, ohne zu kauen, herunter.

„Ich danke Dir, Herrin“, sprach er, verneigte sich und verließ den Raum.

Dann ging er nach oben ins Bad. Dort zog er seine Hose aus und betrachtete seine Beine, deren Bereiche zwischen Fußknöcheln und Becken jeweils fehlten.

„Der Prozess schreitet voran“, dachte er. „Es ist gut. Es ist sehr gut. Noch zehn-, vielleicht zwölfmal und ich habe mein Ziel erreicht.“ Er strich über seine fehlenden Oberschenkel. „Wenn ich fertig bin, fängt ein neues Zeitalter an: Die Ära der Erkenntnis.“

…Fortsetzung folgt…

 

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