Der Neue (Fortsetzung III)

Der Neue (Fortsetzung III)

Der Neue ist in der Stadt

Also, nimm Dich vor ihm in Acht!

Der nächstgelegene Briefkasten befand sich auf dem Gladiolenweg, keine zwanzig Meter vom Lohmann-Haus entfernt.

Die ganze Aufregung um den neuen Eigentümer war an Patricia vollkommen vorbeigegangen, denn ihre Kontakte in Burgloh erstreckten sich nicht sonderlich weit: Dieter und sie bevorzugten eine abgeschottete Lebensweise.

Umso überraschter war Patricia, als sie sich dem Haus näherte und ein verschnörkeltes Aushängeschild, das an der Hausfassade angebracht war, sah. Dessen Aufschrift sprang sie förmlich an.

„Ausgefallene Geschenkideen. Inhaber: Georg Brassel“

Herr im Himmel!“, dachte sie. „Das kommt mir vielleicht gelegen!“

Ohne zu lange zu überlegen, schellte sie an der Tür.

***

Der Mann, der ihr die Tür aufmachte, trug sein langes Haar zu einem Zopf geflochten. Mit einer Schornsteinfeger-Hose und einem Rüschenhemd gekleidet, sah er wie ein Anhänger der Gothic-Bewegung aus.

Patricia wurde augenblicklich ganz warm ums Herz.

„Hey“, sagte der Gothic-Typ, „nur selten bekomme ich hier Besuch von Gleichgesinnten! Ich bin Georg. Komm‘ rein!“

Patricia schüttelte die ihr zum Gruß entgegengestreckte Hand.

„Was führt dich in mein bescheidenes Geschäft?“

„Mein Freund hat bald Geburtstag, doch er braucht nie irgendwas.“ Patricia verdrehte ihre Augen. „Ich zerbreche mir seit Wochen den Kopf über ein Geschenk. Weißt du, letztes Jahr habe ich ihm einen Massage-Gutschein geschenkt – der liegt immer noch in der Schublade seines Schreibtisches. Das Jahr davor war es ein neuer Fahrradsattel. Sein Alter ist von der Sonne vollständig ausgeblichen. Die Mühe war ebenfalls umsonst – das alte Ding hat er immer noch nicht ausgewechselt!“

Brassel lachte auf. „Glaub‘ mir, wir werden schon ein Geschenk für deinen Liebsten finden, mit dem er etwas anfangen kann. Erzähl mir mehr über ihn.“

***

Von innen glich das Haus einer Wunderkammer. Überall waren merkwürdige Dinge platziert – von einer antiken Schreibmaschine über eine Voodoo-Puppe bis hin zu einem aus Elfenbein geschnitzten Globus.

„Komm mit ins Büro“, sagte Brassel. „Magst du etwas trinken? Es gibt Wasser, Kaffee oder Limo.“

„Limo wäre sehr passend.“

Im Büro klappte Brassel seinen Laptop auf. „Bediene dich ruhig aus dem Kühlschrank“, schlug er vor.

Patricia tat wie geheißen und plumpste dann auf das gepolsterte Jugendstil-Sofa. Ihr gefiel dieser Ort. Das Einzige, was sie störte, war jener schwache Geruch des gammeligen Kohls, der im Haus herrschte. „Detlef verteilt mal wieder Gülle auf dem Acker“, dachte sie.

„Dann lass mal schauen, was wir machen können“, sprach der Gothic-Typ. „Wie alt ist dein Freund?“

„Er wird fünfzig.“

„Ein alter Hase, was?“

Patricia nickte zustimmend und gähnte.

***

„Also, wenn du magst, besorge ich dir das Teil. Übermorgen käme es dann an.“

„Ja, tue das bitte. Es scheint das perfekte Geschenk zu sein.“ Patricias Augenlider fühlten sich bleiern an. Es kostete sie einen enormen Kraftaufwand, den Worten des Verkäufers zu folgen.

„O.K.“, sagte er.

Ein Mausklick.

„Dann drucke ich jetzt den Kaufvertrag aus.“

Ein Mausklick.

„Du unterschreibst und die Sache ist geregelt.“

Ein Mausklick.

Er stand auf und ging ans andere Ende des Büros zum Drucker.

Selbst mit benommenem Kopf konnte Patricia noch so weit denken, dass ihr der Vorgang seltsam vorkam.

„In einem Geschenkeladen habe ich noch nie einen Kaufvertrag unterschreiben müssen“, sagte sie.

Brassels Miene verfinsterte sich. „Das hier ist kein gewöhnliches Geschäft“, entgegnete er sichtbar entnervt. „Ich handele mit exklusiven Einzelstücken und muss stets sichergehen, dass ich nicht auf der bestellten Ware sitzen bleibe.“

„Ich habe nicht vorgehabt, dich zu prellen.“

„Tut mir leid. Ich bin ein gebrandmarktes Kind.“

„Na gut, gib mir den Kugelschreiber.“

***

Brassel heftete den frisch unterschriebenen Vertrag in einen Aktenordner ein.

„Entschuldige, darf ich dich um einen Rat bitten?“, fragte er, als Patricia aufstand und gerade gehen wollte.

„Mich um einen Rat?“

„Pass auf, ich möchte mein Geschäft ausbauen, mich auf eine ganz besondere Sache spezialisieren.“

Und schon wieder konnte Patricia vergammelten Kohl riechen. Diesmal etwas stärker als vorher.

„Du scheinst einen guten Geschmack zu haben“, fuhr er fort, „und kommst aus dem gleichen Milieu wie ich – eine Seltenheit in diesem gottverlassenen kleinen Kaff.“ Brassel wirkte verlegen. Übertrieben verlegen. So, als würde er eine Rolle in einem Bollywood-Streifen spielen.

„Komm, ich zeige dir meine Geschäftsidee.“

Patricia folgte Brassel den langen, engen Flur entlang. Beim Gehen hatte sie das Gefühl, der werde immer länger mit jedem neuen Schritt, den sie tat. Sie hätte es bestimmt angesprochen, wenn sie bloß nicht so unsagbar müde gewesen wäre. Aber sie war müde. Am besten hätte sie sich hingelegt, um ein Nickerchen zu machen, nur ein kleines Nickerchen…

„Da sind wir ja!“, verkündete Brassel, als sie zu einer Tür kamen. „Was sagst du dazu?“

Der Raum, der sich hinter der Tür verbarg, verblüffte Patricia mit seiner Größe und Gestaltung. Im gedämpften Licht erkannte sie nicht sofort, was sie genau vor sich hatte. Zuerst dachte sie, es seien Bilder – Unmengen von Bildern, die unterschiedlich eingerahmt an den Wänden hingen. Doch im nächsten Augenblick wurde ihr klar, dass es sich dabei um Spiegel handelte.

„Unglaublich“, flüsterte sie. „Was bedeutet das?“

„Das darfst du gleich selbst herausfinden“, sagte Brassel. „Geh rein und lass es auf dich einwirken.“

Verunsichert, aber trotzdem voller Neugier, begab Patricia sich hinein. Ganze fünfzig Schritte hatte sie gebraucht, um die Mitte des Raumes zu erreichen. Sie stellte sich vor den Standspiegel, dessen Gestell in den Boden einbetoniert war und drehte sich zu ihrem Begleiter um.

Aber er war nicht mehr da.

„Was geht hier vor?“, schrie sie ins Halbdunkel hinein und hörte nichts, außer dem Widerhall ihrer eigenen Frage.

Durch den plötzlichen Adrenalinschub ließ ihre Benommenheit nach. Sie wollte schon zu der Tür rennen und mit aller Kraft mit den Fäusten und Beinen dagegen hämmern, als sie etwas hörte, was sie an das Rascheln von Herbstblättern im kalten Oktoberwind erinnerte.

In diesem Moment begriff Patricia mit aller Klarheit, dass sie in diesem Saal doch nicht allein war. Sprunghafte Fragmente all jener Horrorfilme, die Dieter und sie sich so gern anschauten, spielten sich auf der Rückseite ihrer Augen ab. Nur waren ihr Wohnzimmer und ihre Ledercouch dabei gefühlte tausend Lichtjahre von ihr entfernt.

Sie bekam es mit der Panik zu tun. Nackte Panik war stets etwas, worüber sie nur gelesen oder gehört hatte. Während ihres Daseins war sie oft verängstigt, aber noch nie so entsetzlich überrumpelt gewesen.

„Mach die verdammte Scheißtür auf!“, schrie sie, ohne die Hoffnung, dass sich dadurch etwas hätte ändern können.

Und dann sah sie einen Schatten. Er strömte aus einem Spiegel in den anderen mit der Geschmeidigkeit einer Schlange und bewegte sich auf sie zu.

 „Wenn eine Wolke aus Quecksilber ein Leben besäße, würde sie sich auf genau dieselbe Art fortbewegen“, dachte Patricia und erschauderte darüber, wie klar dieser Satz in ihrem Kopf entstanden war.

Dann lief sie wieder in die Mitte des Raumes, um den Überblick über das Geschehnis nicht völlig zu verlieren. Sie schaute gehetzt umher und sah, wie der Schatten immer näher an sie heranfloss.

Die silberne Oberfläche des einbetonierten Standspiegels direkt vor ihr fing an zu vibrieren und die Wellen dieser Vibration konnte Patricia auch in ihrem Körper nachempfinden.

Sie wollte die Augen schließen, um das, was aus dem Spiegel in sie hineinblickte, nicht ansehen zu müssen, aber es klappte nicht. Sämtliche Muskeln in ihr verkrampften und weigerten sich, den Befehlen ihres Gehirns zu gehorchen.

Ein dünner Strahl Urin lief Patricias Schenkel hinunter. „Ich habe nichts mehr unter Kontrolle. Nicht einmal meine Harnblase“, dachte sie. Irgendein Teil von ihr fand diesen Gedanken komisch und lachte hysterisch auf.

Die Gestalt im Spiegel stellte eine abscheuliche Mischung aus einer Frau und einer Motte dar, die nicht für einen Augenblick gleichblieb. Ihre Konturen hatten Ähnlichkeit mit dem künstlichen Nebel in einer Disco, nur, dass sie zähflüssiger zu sein schienen.

Der Geruch Patricias eigener Körperflüssigkeit vermengte sich mit dem Kohlgestank, der in diesem Saal viel ausgeprägter war als im Büro des Neuen.

Die Kreatur im Spiegel öffnete den missförmigen Spalt, der sich anstelle eines Mundes in ihrem Gesicht befand und brachte ein morbides Gekrächze zustande. Dabei krabbelten unzählige Kakerlaken aus der Kehle der Kreatur heraus, die dann das Innere des Spiegels verließen und wie eine Lawine vor Patricias Füßen landeten.

Angewidert wollte sie versuchen, so viele wie nur möglich von denen zu zertrampeln, vollbrachte aber keine einzige Bewegung, demobilisiert von der Angststarre.

Die-aus-dem-Spiegel krächzte erneut auf und verdrehte ihren Kopf so, dass dessen Kehrseite nach vorne schaute. Ihre langen, schwarzen Haare erhoben sich wie elektrisiert in die Luft und legten somit eine widerwärtige Grimasse frei, die die Gesichtszüge einer Frau und die Augen eines Nachtfalters in sich vereinte.

Im nächsten Augenblick breitete die Kreatur die ihren Körper vorher verhüllenden Flügel aus, sodass Patricia die darunter versteckten, missratenen Glieder sehen konnte und die Haut, so bleich und tot wie der Bauch eines ans Ufer gespülten Fisches.

Ohne ihr Zutun klappte Patricias Kinnlade nach unten. Zur selben Zeit fuhr Die-aus-dem-Spiegel einen tentakelartigen Saugrüssel aus der Mitte ihres Gesichtes aus.

„Wenn das Ding mich berührt, schreie ich“, dachte Patricia.

Doch sie tat es nicht, denn ihre Fähigkeit zu sprechen war wie fortgeblasen.

Der Rüssel drang in ihren geöffneten Mund hinein und sie spürte, wie er nach etwas Nahrhaftem in ihr suchte. In ihrem Kopf entstanden Bilder. Bilder, die älter waren, als die Geschichte der Menschheit.

Die-aus-dem-Spiegel war alt, alt und hungrig. Sie kam aus dem Jenseits. Aber nicht aus dem der Christen, Muslime oder Polytheisten. Sie kam aus dem einzig wahren Jenseits, das dort beginnt, wo die menschliche Vorstellungskraft versagt.

Der Rüssel stocherte in Patricia herum und suchte.

Währenddessen offenbarten sich ihr weitere Bilder: Die-aus-dem-Spiegel war weiblich und, um am Leben zu bleiben, ernährte sie sich ausschließlich vom weiblichen Dasein. Von der kosmischen Urquelle, die von jedem weiblichen Wesen getragen und weitergegeben wird.

Und genau das war es, was das Ding in Patricia vergeblich zu finden glaubte.

Diese plötzliche Erleuchtung riss Patricia aus ihrem Dämmerzustand.

„Dumm gelaufen, du Schlampe!“, sagte sie in Gedanken und biss mit aller Kraft in den Rüssel.

Die-aus-dem-Spiegel heulte auf und es hörte sich an, als würden Tausende von Seeelefanten gleichzeitig brüllen. Eine bittere, nach Galle und Eisen schmeckende Flüssigkeit rann aus den Bisswunden in Patricias Hals hinein und sie befand sich kurz davor, alles hochzuwürgen und somit den Rüssel loszulassen.

Durch eine ungeheure Anstrengung unterdrückte sie den Brechreiz und vergrub ihre Zähne immer tiefer in die sehnige Fremdstruktur in ihrem Mund.

„Friss doch, wenn du noch kannst!“, triumphierte Patricia kurz, bevor sie dann plötzlich durch den Raum geschleudert wurde. Das Ding aus dem Spiegel warf die an seinem Rüssel festgebissene Frau hin und her, in der Hoffnung, sie abzuschütteln.

Mit allen zehn Fingern krallte sich Patricia wie ein Aasgeier daran fest. Sie durfte nicht loslassen, nicht für eine Sekunde.

Die-aus-dem-Spiegel stieß erneut einen Schrei hervor, der noch lauter war als der Erste. Einer Ohnmacht nahe, war Patricia kurz davor, ihren Griff zu lockern.

Und dann dachte sie an all die schmerzhaften Momente in ihrem Leben, an all das, wogegen sie so lange so krampfhaft angegangen war, auch an all das, was sie erreicht hatte, an Dieter, der zu Hause auf sie wartete und keinen Schimmer davon hatte, dass seine Frau gerade gegen ein fressgieriges Monster ankämpfte.

Eine brennende Wut überkam sie. Ein Schlachtruf schwoll in Patricias Bewusstsein an – so mächtig und furchteinflößend, dass sie selbst erschrak. Überwältigt fuhr sie zusammen und ließ ihn dann frei, so, wie ein Soldat, der in einen Alles-oder-nichts-Kampf zieht.

Die Luft erbebte von diesem Schrei und die seismische Welle kräuselte die Oberflächen der Spiegel, die sich im Raum befanden, bog sie nach innen und ließ sie im nächsten Augenblick zerbersten.

Die Scherben flogen in alle Richtungen und Patricia fiel auf den Steinboden.

Ihre Sinne betrübten sich. Die Lichter gingen aus.

Es wurde still.

 

…Fortsetzung folgt… 

 

 

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