Der Neue (Fortsetzung II)

Der Neue (Fortsetzung II)

Der Neue ist in der Stadt

Also, nimm Dich vor ihm in Acht!

Larissa zog den kürzesten Rock, den sie besaß, an. Ein dezentes Make-up verlieh ihrem Gesicht jene Modezeitschrift-Makellosigkeit. Die Frisur saß und die frisch lackierten Zehennägel lugten stilsicher aus den roten Plateausandalen hervor. Genauso welche trug Larissas YouTube-Mentorin in ihrem aktuellen Video. Ganze 76,00 Euro hatten die Treter gekostet und – Gott war ihr Zeuge – sie waren jeden verdammten Euro wert.

„Wer, wenn nicht ich“, dachte Larissa, „soll bald der heißeste Modelexport Deutschlands werden?“ 

Sie drehte und wendete sich vor dem Spiegel und fand nichts, was der Perfektion nicht entsprochen hätte. Dann schnappte sie ihr selbstgebasteltes Modelbook vom weißen Schminktisch in ihrem Zimmer und stöckelte aus dem Haus.

                                                                                                                            ***

Es war Dienstagnachmittag.

Etwas schüchtern klopfte Larissa an der schäbigen Hintertür des Lohmann-Hauses. Zurückhaltung war normalerweise nicht ihre Art: Sie gehörte zu den beliebtesten Schülerinnen am Gymnasium Horkesgath und besaß genug Selbstbewusstsein, um jedem mit Elan gegenüberzutreten.

Etwas stimmte sie dennoch unsicher. Vielleicht sogar ängstlich.

Sie war kein Kind mehr und musste auch keine Furcht vor einem alten Haus, in dem ein alter Mann sich einst erhängte, haben. Gespenster gab es nicht. Nicht mehr.

Früher, als sie klein war, wusste sie, dass es sie sehr wohl gab: in dunklen Zimmern, unter dem Bett, im Wald. Aber es war schon lange her.

„Hör‘ jetzt auf!“, befahl Larissa sich selbst und richtete ihren Oberkörper auf.

Die Tür wurde aufgemacht.

„Ach, du bist bestimmt Larissa, mit der ich telefoniert habe!“

Auf der Schwelle stand ein lustiger und irgendwie katzenhaft aussehender Mann. So einen würde man im Fernsehen als Paradiesvogel bezeichnen.

Er trug ein buntes Hemd aus Seide und Röhrenjeans. Seine gelben Sneakers harmonierten farblich perfekt mit dem Gestell seiner Nerdbrille. Das Haar trug er wild nach oben gegelt.

„Ja, die bin ich“, antwortete Larissa mit einem Lächeln. Auf einmal fühlte sie sich unglaublich wohl im Beisein dieses Mannes.

„Na, dann mal los! Rein in die gute Stube!“

Das Innere des Hauses passte zu dem Eigentümer wie die Faust aufs Auge. Es war schrill und bunt: ein blau gefärbtes Imitat eines Tigerfells auf dem Boden, eine skurrile Wandgarderobe in Form eines Hirschkopfes links, eine rote Telefonbox rechts.

„Hier ist das Büro“, verkündete der Mann und kicherte manieriert. „Setz dich doch, Schnuckelchen!“ Er zeigte auf einen riesenhaften Ohrensessel in Leopardenoptik.

Überall an den Wänden hingen Fotos atemberaubender Frauen, von denen einige Larissa bekannt vorkamen.

Ihr Interesse entging dem Neuen nicht.

„Nicht schlecht, was?“, fragte er. „Sie alle stehen oder standen bei Georg Brassel unter Vertrag. Auch sie.“ Er zeigte auf das Bild einer Frau mit einer Schlange um die Taille.

„Das ist doch Lisa Klein!“, staunte Larissa.

„So ist es, Schnuckelchen. Aber jetzt reden wir über dich.“

***

„Das mit Mailand – ist das Ihr Ernst?“

Vor ihrem inneren Auge sah Larissa sich bereits auf den angesagtesten Modeevents dieser Welt über den Laufsteg stolzieren.

„Aber natürlich! Ich pflege beste Kontakte zu den Veranstaltern der Mailänder Modewoche“, versicherte Brassel.

Larissas Gesicht erhellte sich immer mehr.

„Ich unterschreibe!“, stieß sie hervor. „Hier und jetzt!“

„Und du möchtest nicht wenigstens eine Nacht darüber brüten?“

„Nein. Meine Entscheidung steht fest.“

***

Brassel und Larissa gingen einen langen, engen Flur entlang, der sich definitiv viel zu weit erstreckte, wenn man bedachte, wie klein das Lohmann-Haus eigentlich war.

„Du wirst sehen, wie prächtig alles funktionieren wird. Aus dir erschaffe ich die neue Toni Garrn“, schleimte Brassel. „Gleich mache ich nur noch ein paar Aufnahmen von dir in meinem besonderen Shootingraum und dann kannst du auch schon nach Hause gehen, deinen Eltern die tolle Nachricht überbringen.“

Larissa verzog den Mundwinkel und legte ihre Stirn in Falten. „Für sie wird die Nachricht wohl weniger toll ausfallen.“

Am Ende des Flures befand sich eine Tür. Brassel öffnete sie mit einer theatralischen Verbeugung und bat Larissa hinein.

„Wie geil ist das denn!“, sagte sie, als sie das Innere des Raumes erblickt hatte. „Haben Sie den selbst eingerichtet?“

„Höchstpersönlich“, versicherte Brassel, versetzte Larissa einen kräftigen Stoß in den Rücken und verschloss die Tür.

***

Patricia Enna war dreiundvierzig Jahre alt. Dreißig davon verbrachte sie als Patrick Enning.

Es gibt durchaus Menschen, die in diese Welt glücklich geboren werden und ihr Dasein auf Erden ebenso glücklich fristen. Dieses Privileg erstreckt sich jedoch nur über die wenigen Gesegneten, die als Maharadschas des Glücks durch das Leben gleiten.

Patricia war während des größten Teils ihrer Existenz durch und durch keine Maharani. Sie kam als Patrick Enning zur Welt und die Geschichte von Patrick Enning war eine traurige.

Seine Mutter sagte immer, der Tag an dem er das Licht der Sonne erblickt hatte, sei ein Unglückstag gewesen. Sein Vater sagte nicht viel. Er schaute Patrick nicht einmal an, wollte nichts mit jemandem zu tun haben, der lieber mit Puppen spielte, anstatt Modellflugzeuge zu bauen.

Nachdem sein älterer Bruder eines Tages gemerkt hatte, dass Patrick eine Schwäche für die Schminke ihrer Mutter entwickelt hatte, trompetete er die Nachricht durch die ganze Schule. In Windeseile wurde aus Patrick eine Spottfigur, eine Tunte, eine Schwuchtel. Mit diesem Etikett versehen, ging er durch die gesamte restliche Schulzeit.

Wurde er beleidigt? Ja. Wurde er geschlagen? Ja. Wurde er kopfüber in eine Kloschüssel gehalten? Ja und ja und ja.

Irgendwann lernte er Christina kennen. Sie trug Piercings an jeder erdenklichen Körperstelle, bodenlange Rüschenkleider in Schwarz und bearbeitete ihre Lippen mit dunkelblauer Acrylfarbe. Zu dem Zeitpunkt ihrer Begegnung lebte Christina bereits seit über zwei Jahren auf der Straße und kam damit prima zurecht.

In Kürze gesellte Patrick sich zu ihr. Seine Haare wurden länger, seine Klamotten – schwärzer. Er umrandete seine Augen mit schwarzem Kajal und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben verstanden.

Die Überlebensstrategien eines Obdachlosen kapierte er rasch: Egal, ob das Klauen in einem Supermarkt oder das Betteln in der Fußgängerzone – alles gelang ihm im Handumdrehen.

Doch eines Tages passierte etwas, was Patricks fragile neue Welt mit aller Gewalt aus der Bahn warf, ihn erneut zerriss und sein Herz mit einer untragbaren Last beschwerte.

Es war im Januar. Seit Tagen herrschte draußen klirrende Kälte und der Schnee lag kniehoch. Im Freien zu schlafen kam nicht mehr infrage.

Patrick und Christina hatten zu dem Zeitpunkt geradeso viel Geld zusammengebettelt, dass sie sich eine Woche lang ein Zimmer in einer Jugendherberge leisten konnten, in der Hoffnung, die Kältefront würde sich bis dahin verziehen.

Eines Abends, als die beiden gemütlich in einem Etagenbett hockten, jeder für sich schwieg und auf eine nur ihm selbst verständliche Art glücklich war, stand Christina plötzlich auf.

„Wir brauchen Knabberzeug! Wenn schon Dekadenz, dann vom Feinsten“, sagte sie.

„Soll ich mitkommen?“, fragte Patrick.

„Nicht nötig. Der Kiosk ist doch gleich um die Ecke“.

„Tschüss!“, sagen wir, „lebe wohl!“ Meinen damit aber heimlich: „Auf Nimmerwiedersehen!“ Denn jedes Mal, wenn ein von uns geliebter Mensch fortgeht, können wir nicht sicher sein, ob er jemals zu uns zurückkehren würde.

Sie ging hinaus. Patrick blieb in seiner Koje und schlug „Herr der Fliegen“ auf. In seinem Kopf hörte er das Rauschen der Ozeanwellen und fragte sich, ob er je einen Ozean sehen werde.

Eine halbe Stunde später war Christina noch nicht da.

„Hat bestimmt jemanden getroffen und erklärt ihm gerade, wo der gekochte Hummer auf dem Berg pfeift “, dachte Patrick.

Auch nach weiteren zwanzig Minuten war sie immer noch nicht da.

Auch nicht um Mitternacht.

Nicht am nächsten Tag, nicht in einer Woche. Christina kam einfach nicht mehr zurück.

Was kann ein Mensch einer herzlosen Welt da draußen entgegensetzen? Wie kann jemand so stark sein, die donnernde Stimme der Ungerechtigkeit an sich abprallen zu lassen?

Die darauffolgenden Monate verbrachte Patrick in einer Art Trancezustand. Tagsüber streifte er alleine durch die Stadt, abends saß er auf einer Parkbank und schaute sich die Lichter, die in den Häusern ringsum brannten, an. Er dachte darüber nach, wie es wäre, endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, stellte sich vor, was hinter den Fenstern, aus denen das Licht schien, geschah.

Es war Patricks fünfundzwanzigster Geburtstag, als sein Lebensweg sich mit dem von Dieter kreuzte.

***

„Edens Tränen“ waren an jenem Tag in der Stadt – Patricks Lieblingsband. Der Auftritt fand in einer kleinen Konzerthalle, deren Holzdielen vor Dreck an den Schuhsohlen klebten, statt.

Da Patrick kein Geld hatte, um den Eintritt zu bezahlen, musste er tief in die Trickkiste greifen: Er gab sich als Roadie aus und schlich durch den Hintereingang in den Konzertkeller, wo er dann stundenlang in einer Ecke gekauert hatte, bis der Einlass begann.

Als dann endlich die ersten Zuschauer, nach Patschuli duftend und mit Lack, Leder und Spitze ausstaffiert, den Raum betreten hatten, traute Patrick sich aus seinem Versteck.

Er hatte fürchterlichen Hunger, musste urinieren.

Patrick verließ den Keller und ging die Treppe hinauf in die Lounge, wo zahlungskräftige Gäste sich mit einer Portion Pommes und einem Drink verwöhnen konnten. Im dort herrschenden Halbdunkel würde niemand merken, wie dreckig seine Kleider waren und sein Geruch würde im in der Luft hängenden Zigarettenqualm keinem auffallen.

Langsam schlich er entlang der Tische. Sein trainierter Blick erspähte einen stehen gelassenen Pappteller, der noch halb voll war: Fritten mit Mayo – Patricks Lieblingsessen!

Er setzte sich an den leeren Tisch. Sein Magen machte Luftsprünge vor lauter Vorfreude, endlich wieder gefüllt zu werden.

Als er sich die ersten mit Sauce getränkten Kartoffelspalten in den Mund geschoben und sie voller Gier verschlungen hatte, spürte er eine Hand, die federleicht seine Schulter berührte. Patrick blickte auf.

Die Hand, deren Finger allesamt mit dunkelblauem Nagellack und einem Silberring veredelt waren, gehörte einem großgewachsenen Mann, dessen Alter Patrick intuitiv auf Anfang dreißig geschätzt hatte. Er trug ein schwarzes Bandana-Tuch auf dem Kopf, sein dunkler Bart war entzweigeteilt und jede Seite zu einem Zopf geflochten.

„Dürfte ich mich zu dir gesellen?“, fragte er. Seine Stimmlage war angenehm warm.

Patrick wischte sich mit dem Ärmel die Mayonnaise vom Kinn und nickte.

„Mein Name ist Dieter“, stellte sich sein Gegenüber vor.

„Patrick“, sagte Patrick.

Dann sprachen sie. Sie sprachen lange. Irgendwann stellten sie fest, dass die Show unten im Keller bereits im vollen Gange war, aber sie hatte an Wichtigkeit verloren. Wichtig war nur dort am Tisch zu sitzen und dem anderen in die Augen zu blicken.

Das Glück hat seine Launen: Es überkommt einen stets dort, wo man es gar nicht anzutreffen glaubt. Richtiges Glück ist ein eigenartiger Zustand und hat wenig mit Euphorie zu tun. Es ist von Ruhe gezeichnet und manchmal kann man eine bittersüße Note darin erahnen, von der einem flau im Magen wird. Diese Note heißt Angst. Angst, dass alles nur ein Traum sei, der in jedem Moment zerplatzen und nichts außer Trümmer hinterlassen werde.

Auch jetzt noch, ganze dreizehn Jahre seit Patricks endgültigem Verschwinden und Patricias Geburt, fragte sie sich in Gedanken immer wieder, ob sie es tatsächlich sei, die diesen Segen Fortunas in sich trug. Und dann fand sie keine Antwort darauf, denn wenn man glücklich ist, sind Antworten überflüssig.

Wenige Monate nach der Operation, während deren aus Patrick Patricia geworden war, verließen sie und Dieter ihren Wohnort und zogen nach Westen, wo niemand sie kannte. Sie hatten einen neuen Lebensabschnitt begonnen. Dieter arbeitete von Zuhause, Patricia pendelte viermal die Woche zwischen Burgloh und Düsseldorf, wo sie eine Stelle als Empfangsdame in einer Klinik fand.

Hormon- und Psychotherapie, emotionale Achterbahn, eine erneute Pubertät, Sprechunterricht – all das hatte sich für Patricia gelohnt und sie dankte Gott jeden Tag dafür, Dieter an ihrer Seite haben zu dürfen.

Die Frau, die sie in den letzten dreizehn Jahren jeden Morgen aus dem Spiegel anschaute, sah wundervoll aus. Sie hatte eine etwas zu große, italienisch wirkende Nase, hohe Wangenknochen, üppige Augenwimpern. Ihr Haar fing schon früh an zu ergrauen, aber sie liebte jene spinnenfadenähnlichen Strähnen, die ihr Gesicht würdevoll einrahmten. Und sie bemalte ihre Lippen mit einem dunkelblauen Lippenstift.

Seit geraumer Zeit überlegte Patricia fieberhaft, was sie Dieter zu seinem fünfzigsten Geburtstag schenken könnte. Ihr Lebensgefährte gehörte zu der Sorte Mann, die nie etwas brauchte.

Es war Donnerstag und sie hatte frei. Draußen herrschte das perfekte Spazierwetter, Dieter schrieb Berichte in seinem Arbeitskeller – also nutzte Patricia diese Gelegenheit, um eine Runde um den Block zu drehen und sich in Ruhe Gedanken über das mögliche Geschenk zu machen.

Patricia setzte ihre Sonnenbrille auf und ging aus dem Haus.

Herr Königs, ihr achtundsiebzigjähriger Nachbar, jätete Unkraut im Vorgarten.

„Kind“, rief er, als er Patricia die Tür abschließen sah, „Kind, könntest du für mich ein Schreiben in den Briefkasten werfen?“

„Klar, kann ich das!“

„Dann warte mal eine Sekunde!“ Herr Königs humpelte ins Haus und kam wenige Augenblicke später zurück mit einem Umschlag in der Hand.

„Und das ist für deine Mühe“, sagte er und steckte Patricia einen Fünf-Euro-Schein zu.

„Auf gar keinen Fall, Herr Königs! Das Geld nehme ich nicht an!“

„Aber ich muss dir doch zwischendurch auch irgendwie danken können“, sprach der Rentner entrüstet.

Patricia lächelte. Das Weiße ihrer Zähne wirkte durch das Blaue ihrer Lippen noch weißer. „Ihre Freundlichkeit ist der beste Dank“, sagte sie und ging.

***

 

Rheinfelder Post                                                                                                                                                              Donnerstag, den 17.07.2016

 

Zwei Frauen spurlos verschwunden

 

Polizei sucht nach zwei Frauen aus Burgloh bei Rheinfeld, die zwischen dem 10.07.2016 und dem 15.07.2016 spurlos verschwanden.

 

(Foto 1)

Frauke Pahl, 39 Jahre; 168 cm; Augenfarbe: grün; Haare: rot; zuletzt gesehen am 10.07.2016.

 

(Foto 2)

Larissa Tengelmann, 18 Jahre; 179 cm, Augenfarbe: blau; Haare: blond; zuletzt gesehen am 15.07.2016.

Wir bitten um sachliche Hinweise.

 

KriPo Düsseldorf

 

…Fortsetzung folgt…

 

 

2 thoughts on “Der Neue (Fortsetzung II)

  1. Ich bin süchtig, schlicht und ergreifend süchtig, nach dieser Geschichte.
    Sie packt mich, flasht mich,nimmt mich mit…einfach grosse Klasse !!!

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