Der Neue (Ende)

Der Neue (Ende)

Der Neue ist in der Stadt.

Also, nimm Dich vor ihm in Acht!

Patricia kam wieder zu sich, weil jemand sie an den Haaren hinter sich herzog.

Ihr ganzer Körper schmerzte und das Knirschen der Spiegelscherben, das die Schuhe des Ziehenden produzierten, ließ ihre Zahnnerven aufheulen.

Am schlimmsten quälte sie dennoch ihre linke Wade. Etwas Großes steckte darin, doch, wenn man an den Haaren, mit dem Gesicht zur Seite, über den Boden geschliffen wird, hat man nur wenig Bewegungsfreiheit, um sich seine Wade anzuschauen.

„Du hast alles ruiniert, du verdammte Hure!“, zischte der Ziehende. „Jahrelange Arbeit – alles für die Katz!“

Patricia erkannte die Stimme. Sämtliche Wärme von vorhin wich aus ihr. Die einzige Emotion, die man darin erahnen konnte, war Wut.

Sie erreichten die Tür.

Mit Wucht schleuderte Brassel Patricias Kopf gegen die Bodenfliesen im Flur.

„Wie hast du es geschafft?“, fragte er und verpasste ihr einen Tritt in den Unterleib.

Eine lodernde Schmerzwelle überkam Patricia. Sie schaute Brassel von unten an und erschauderte über seine verzerrten Gesichtszüge, über das Finstere darin.

„Sprich, sonst wird’s schlimmer!“, befahl er.

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie und jedes gesprochene Wort glühte in ihrer Kehle wie heiße Kohle.

Ein Tritt in die Nieren.

„Vielleicht weißt du es jetzt besser?“

Patricia keuchte und wurde beinahe erneut ohnmächtig. Tränen schossen ihr in die Augen. Ihre ohnehin vom Staub und Angst verstopfte Nase füllte sich mit Rotz, sodass sie nur noch durch den Mund atmen konnte.

Ein jämmerlicher Versuch sich aufzurichten, scheiterte daran, dass Brassel ihr seinen Fuß auf die Brust stellte.

***

Für Patricia war das ein vertrautes Gefühl: Eines Tages, als sie noch Patrick hieß und zur Schule ging, hatte sie bereits in einer ähnlichen Lage gesteckt.

Die Schulglocke hatte soeben die große Pause verkündet. Patrick schnappte seinen Rucksack und verließ hastig das Klassenzimmer, um möglichst unbemerkt auf den Pausenhof zu huschen, um dort in einer abgeschiedenen Ecke sein Butterbrot in Ruhe essen zu können.

Eine ungestörte Mahlzeit war bei seinem Ruf in der Schule reiner Luxus. Nicht selten kam es dazu, dass er hungrig blieb, weil seine komplette Verpflegung von irgendjemandem über den Schulhof verteilt worden war.

An jenem Tag schien Patrick Glück zu haben. Niemand im Schulfoyer oder draußen hatte ihm Beleidigungen hinterhergerufen, ihn geschubst oder ihm eine Kopfnuss verpasst.

Er setzte sich auf die Erde unter eine breitstämmige Platane, die am Rande des Hofes wuchs. Am liebsten hätte er jetzt Musik gehört, was unter gegebenen Umständen ein viel zu hohes Risiko darstellt hätte, denn zum Ersten musste er stets all seine Sinne parat haben, um vor Angreifern rechtzeitig fliehen zu können und zum Zweiten wollte er auf gar keinen Fall, dass sein nagelneuer Kassetten-Walkmann zerstört worden wäre. Sein Alter wurde vergangenes Jahr von Stefan Stock aus 11a in die Toilette getunkt und war somit nicht mehr zum weiteren Gebrauch geeignet.

Patrick holte seinen Frühstücksbeutel aus dem Rucksack hervor und wollte schon in das darin verstaute Salamibrot beißen, als jemand ihm einen wuchtigen Tritt gegen die Schulter verpasste.

„Schau mal einer diese dämliche Schwuchtel an!“

Die rechte Gesichtshälfte voller Staub, blickte Patrick überrumpelt zu seinem Peiniger vom Boden empor. Es war Ralf Höhne und sein Gefolge. Ralf – der unbestreitbare Schulmonarch, ein selbsternannter Fußballprofi und Riesenarschloch.

Noch bevor Patrick begreifen konnte, was geschah, spürte er ein schweres Gewicht auf seiner Brust. Ein Turnschuh in Größe 44 lastete darauf.

Patrick schnappte nach Luft.

„Dich sollte man wie eine Kakerlake zerquetschen, du widerliches Vieh!“, sprach Ralf und spuckte Patrick ins Gesicht. Dabei glänzte sein perfekt frisiertes blondes Haar im hellen Tageslicht wie der Nimbus eines heidnischen Sonnengottes.

Und genauso fühlte Patrick sich in jenem Moment: wie ein widerwärtiges Insekt, das sich seiner Abscheulichkeit bewusst war und es für verdient hielt, zertrampelt zu werden.

Irgendwo, in den Tiefen seines Selbst, wusste Patrick, dass er sich zur Wehr setzen musste. Er wusste sogar, wie er das tun musste. Gott war sein Zeuge, er wollte dieses Risiko eingehen. Einmal im Leben all seinen Mut zusammennehmen – um jeden Preis, wenn es sein musste.

Er wollte Stärke zeigen und ein für alle Mal beweisen, dass auch er eine Würde besaß und nicht stets alles hinnahm.

Doch das tat er nicht, weil sein restliches Wesen viel zu verängstigt war, um Widerstand zu leisten.

Daher blieb er gehorsam im Staub liegen, fühlte, wie warme Salztropfen aus seinen Augenwinkeln hinunterkullerten, wie seine Nase sich mit heißem Rotz füllte und leise Schluchzer seinen Körper erbebten.

Frau Jansen – die Pausenaufsicht – kam angerannt und hatte das Spektakel beendet. Sie half Patrick auf die Beine und schickte ihn nach Hause. Was aus Ralf wurde, erfuhr Patrick nie, denn er hatte von diesem Tag an die Schule nicht wieder betreten.

***

„Zum allerletzten Mal“, sprach Brassel gereizt, „frage ich dich, wie es passiert ist?“

Er presste seinen Fuß erheblich fester gegen Patricias Brust, sodass sie kaum noch Luft bekam.

Alles vermischte sich in ihrem Kopf: Brassels Visage verschwamm und wurde zum engelsgleichen Bildnis von Ralf Höhne, aus Patricia wurde wieder Patrick und der Flur verwandelte sich in den staubigen Schulhof.

„Gegen deine Vergangenheit magst du vielleicht machtlos sein“, hörte sie die Stimme ihrer Psychotherapeutin, die unerwartet im Wirrwarr ihres Bewusstseins aufgetaucht war. „Doch die Zukunft liegt in deinen Händen. Du hast die Fähigkeit, sie nach deinem Belieben zu gestalten.“

Wie konnte sie nur zulassen – nach so vielen Jahren, nach so einem harten Kampf um ein neues Ich – so klein beizugeben? „Ich darf nicht so enden! Ich darf es Dieter nicht antun!“, dachte Patricia.

Plötzlich schüttelte sie die Ohnmacht ab, vergaß ihre vor Schmerz heulende Wade, um im nächsten Moment ihr unverletztes Bein vorsichtig anzuwinkeln und es Brassel mit aller Gewalt zwischen die Schenkel zu rammen.

„Fick dich!“, schrie sie ihm dabei ins Gesicht.

Brassel quiekte, sackte zusammen und fiel keuchend auf die Bodenfliesen.

Patricia bahnte sich den Weg den Flur entlang zur Haustür. Dabei fiel ihr auf, dass die gesamte Inneneinrichtung, die sie beim Hineingehen gesehen hatte, nicht mehr da war. Nichts davon war mehr da: weder die wundervollen Geschenkartikel noch die Möbel. Das Haus war nicht einmal renoviert und roch moderig.

Ihr linkes Bein konnte sie nur noch hinterherschleifen.

Sie warf einen Blick darauf und war beinahe vor Erstaunen und Ekel erneut zusammengebrochen, als sie bemerkte, dass ein handflächengroßes Stück Spiegelglas darin steckte. Die Wunde wirkte surreal – wie von einem Maskenbildner nicht ganz fertiggestellt – weil sie kaum Blut absonderte.

„Nicht in Panik geraten, hörst du?“, ermahnte Patricia sich selbst. „Gleich ist alles vorbei!“

Doch es war nicht vorbei.

Die Tür war verschlossen. Natürlich, wie sonst? Sind die Türen in den Schauergeschichten nicht immer verschlossen?

Sie hörte ihren eigenen Atem pfeifend der Luftröhre entweichen, sie roch ihren eigenen Schweiß und sah Brassel, der am anderen Ende des Flures erschien und schwankend auf sie zuschritt.

Und schon wieder hatte Patricia das Gefühl, eine Rolle in einem Horrorstreifen zu spielen.

„Ein Messer, der Bösewicht muss ein Messer bei sich haben!“ Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf wie eine Gewehrpatrone. Sie schaute auf Brassels Hände und – danke lieber Gott! – sie waren leer.

Patricia fing an um Hilfe zu schreien und wie wild gegen die Tür zu poltern. Irgendjemand von den Nachbarn würde sie bestimmt hören und die Polizei informieren.

„Ich töte dich“, sagte Brassel gelassen. „Du kannst noch so viel brüllen – niemand hört dich.“

Mit diesen Worten neigte er den Kopf nach vorne und lief wie ein Stier bei einer Corrida auf Patricia los.

Sie wich zur Seite – gerade noch rechtzeitig, um Brassel zu entkommen und ihn somit mit vollem Schwung auf die Tür aufprallen zu lassen.

Er schaute etwas betäubt drein, was Patricia genauso viel Vorsprung einräumte, dass sie einen Abstand von mehreren Metern zu ihrem Angreifer gewinnen konnte.

Es gab keine Zeit mehr zu verlieren. Sie musste handeln. Wenn sie leben wollte, musste sie es einfach!

Brassel nahm erneut Anlauf.

„Wir beide wissen doch, dass ich dich kriege“, zischte er und rannte los.

Das Zimmer, das vorher mit Sicherheit sein Büro gewesen sein musste, befand sich links, nur wenige Schritte hinter Patricias Rücken. So schnell sie konnte sprang sie dort hinein, war jedoch nicht flink genug, um die Tür verriegeln zu können.

Brassel schmiss sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen.

Aus letzter Kraft gab Patricia ihr Bestes, um ihn daran zu hindern, diese letzte Hürde zwischen ihnen beiden zu nehmen. Doch sie begriff nur zu gut, dass, wenn er seine Attacke noch ein- bis zweimal wiederholt hätte, es aus mit ihr gewesen wäre.

Und dann lies sie los.

Brassel, der im selben Augenblick einen weiteren Angriff auf die Tür ausführte, verlor das Gleichgewicht und landete somit längelang auf dem Boden.

Die Zeit lief. Ticktack, ticktack…

Patricia presste die Lippen fest zusammen, schloss die Augen und riss an der Spiegelscherbe in ihrer Wade.

Vor Schmerz wurde ihr speiübel und sie sah, wie ein zäher Blutstrom aus der Wunde nach außen quoll. Dann fletschte sie die Zähne und stürzte sich mit ihrer improvisierten Waffe auf Brassel.

Sie stach zu.

Ihre Hand war voller Blut und sie konnte nicht mit Klarheit sagen, wem dieses Blut gehörte. Den hässlichen Schnitt in der Handfläche würde sie erst später bemerken.

Die Scherbe saß nun tief in Brassels Oberkörper. Irgendwo zwischen der fünften und siebten Rippe.

Fassungslos starrte Patricia den Mann auf dem Boden an, der seinerseits die aus seinem Körper ragende Scherbe anstarrte.

„Wo ist der Haustürschlüssel?“, fragte Patricia. „Ich werde Polizei und Notarzt rufen.“ Ihr Fuß im Schuh fühlte sich mittlerweile nass, warm und klebrig an.

Brassel stöhnte auf. „Kein Arzt und keine Polizei. Bitte.“ Er keuchte. „Hör mir zu. Ich kenne jemanden, der uns helfen kann. Ich gebe dir die Telefonnummer. Uns wird geholfen. Du wirst ein Teil meines Projektes werden. Ich zeige dir den Weg zur absoluten Macht.“

Ungläubig schüttelte Patricia den Kopf.

„Wir werden ewig leben. Auch dein Freund, wenn du willst. Wir werden die Toten zum Leben erwecken können.“

„Du bist wahnsinnig“, gab Patricia zurück. In einer Ecke entdeckte sie einen alten Wischmopstiel und hatte schon vor, damit das Fenster einzuschlagen, als sie eine Stimme hörte, die ihr so wohlvertraut vorkam, dass sie sie aus Tausend anderen erkannt hätte.

„Du könntest mich zurückholen, Liebes. Es ist so kalt hier und so einsam.“

Patricia drehte sich um und sah Christina. Christina, die statt Brassel verwundet auf dem Boden lag. Ein dünner Blutfaden lief aus ihrem Mundwinkel.

„Es ist nicht wahr“, flüsterte Patricia.

„Doch, das ist es. Jeder hat seine eigene Wahrheit, wusstest du das nicht?“

Christina verschwand noch bevor Patricia es schaffte, sich zu ihr hinzuknien.

Brassel sprach wieder: „Denk‘ nach! Alles ist möglich. Tue mir einen Gefallen, krempele meine Hosenbeine hoch. Das stimmt dich vielleicht um.“

Ohne zu verstehen, warum, tat Patricia wie geheißen.

„Siehst du es?“, fragte Brassel.

Doch sie sah nichts. Nur ein paar ganz gewöhnliche Unterschenkel, die nichts außer dichter Behaarung aufzuweisen schienen.

„Meine Beine sind unsichtbar. Überrascht?“

„Ich kann sie sehr wohl sehen“, entgegnete Patricia.

„Du lügst!“

„Ich gehe jetzt.“

Und wieder hörte Patricia Christinas Stimme.

„Geh‘ nicht. Hilf‘ mir. Es ist so kalt hier…“

Mit einem Schleier aus Tränen vor den Augen wandte Patricia sich ab.

„Du bist tot, Christina. Es tut mir leid, aber du bist tot. Gegen unsere Vergangenheit sind wir machtlos. Doch die Zukunft liegt in unseren Händen.“

Sie schlug das Fensterglas ein und als sie es zerspringen hörte, erfüllte sie eine grenzenlose Freiheit. Es roch nach Sommer und Dieter wartete auf sie zu Hause.

Sie stieg durch das Fenster auf die Straße und brach zusammen.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einem Krankenhaus. Dieter saß neben ihrem Bett. Alles war vorbei.

Alles.

***

Der Herbst kam.

An einem kalten Oktobermorgen rauchte Ingrid Trautwein auf dem Balkon.

„Dreimal früh aufstehen macht einen ganzen Tag!“, pflegte ihre Mutter zu sagen. Und es war Ingrids Meinung nach das Einzige, womit sie je Recht hatte.

Das Lohmann-Haus würde im Frühling abgerissen werden – das erfuhr sie aus einer sicheren Quelle.

Der Neue entpuppte sich als ein Verrückter. Ein Frauenmörder.

Nachbarschaft konnte so aufregend sein!

„Heute rufe ich Doktor Wellhöfer aber wirklich an. Keine Ausreden mehr!“, dachte sie. „Vielleicht aber auch morgen. Ja, morgen ist Donnerstag, der beste Tag, um einen Arzt aufzusuchen. Nach Montag, versteht sich. Naja, mal schauen, was aus Erwins Grundstück wird. Hoffentlich kauft es jemand, der Anstand hat.“

 

 

2 thoughts on “Der Neue (Ende)

  1. Top 🙂 ich bin sehr zufrieden mit dem Ende ! (ich nehme an das es das Ende ist)
    Gut geschrieben, man fühlt richtig den Kampf gegen die Angst und die Befreiung nach der Entscheidung, der Vergangenheit die Macht über die Zukunft zu nehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.