Wo einst das Meer war

Wo einst das Meer war

Eine nachdenkliche Schauerstory

So schnell habe ich noch nie rennen müssen.

Die Hunde (oder etwas, was man einst als solche hätte bezeichnen können) kamen immer näher. Egal, wo ich hinblickte – es gab nichts zu sehen, was mir als Unterschlupf dienen konnte. Nur trockene, rissige Ebene, so weit das Auge reichte.

Obwohl ich auf Alpamysh schon immer zu den besten Sprintern gehörte, war jener Wettlauf gegen die Bestien etwas grundliegend Anderes. Rennen und Wegrennen unterscheiden sich voneinander wie Vorher-nachher-Bilder eines Prominenten, der einen plastischen Chirurgen zwecks Faltenkorrektur aufsuchte.

Auf Alpamysh läuft man über den speziell entwickelten, kautschukartigen Asphalt: ergonomisch, gelenkschonend.

An jenem Tag (oder war es Nacht? Die Tageszeiten auf der Erde funktionieren schon seit Langem nicht mehr so, wie wir es in den Schulbüchern gelernt hatten) lief ich jedoch über einen verkrusteten, von der fast schon krepierten Sonne zerfressenen Boden. Beim Atmen schnitt sich die heiße Luft in meine Lungen so ein, als bestünde sie gänzlich aus winzigen Messerklingen.

Die Hundedinge näherten sich unerbittlich. Der Gedanke daran, einfach aufzugeben, auf den Boden zu fallen und mich fressen zu lassen, kam mir dabei beinahe tröstlich vor. Doch scheinbar war der Überlebensinstinkt auch innerhalb der achten Alpamysh-Generation auf eine verwunderliche Weise nicht vollkommen verstummt. Ich rannte mit letzter Kraft weiter, bis…

Wahrscheinlich war ich ohnmächtig geworden.

Als meine Sinne zu mir zurückkehrten, lag ich im Schatten, und auch wenn mein Mund sich so trocken wie die Rinde des Baums, der den Schatten auf mich warf, anfühlte, war ich froh, nicht von allen Seiten bei lebendigem Leibe geschmort zu werden.

„Schau mal einer an, das Mädchen kommt zu sich!“

Ich versuchte mich aufzurichten, um zu sehen, aus wessen Kehle diese Worte gekommen sein mochten. Deren befremdlicher, gurgelnder Klang beunruhigte mich. Noch nie hatte ich eine Stimme gehört, die derart tot tönte.

„Sachte, sachte! Nicht, dass du mir wieder umkippst.“

Mühevoll stützte ich mich auf die Ellenbogen ab und schaute hinauf, wo die Stimme herkam.

Der Zu-mir-Sprechende war ein uralter Greis, der im Schneidersitz einen knappen Meter über dem Boden levitierte. Seine Augen – kaum mehr als enge Schlitze – befanden sich in einem flachen, runden, mongolisch anmutenden Gesicht. Kein einziges Haar umrahmte diesen zerfurchten Vollmond.

Ich stöhnte auf und schaffte es schließlich, auf die Beine zu kommen.

Der Mund des Alten öffnete sich erneut und er sprach zu mir, obwohl weder seine Lippen noch die Zunge in Bewegung kamen.

„Bist du auch eine von diesen Besserwissern, Qizim*?“, erkundigte er sich.

Ich hielt es für klug, seine Frage mit Schweigen zu beantworten.

„Schweig‘ du mal ruhig“, gluckste er. „Deine Abstammung kann ich an deinem Gesicht ablesen: blass, blauäugig, Hände, die nie eine Arbeit gekannt haben…“

„Haben Sie die Hunde gesehen?“, fragte ich ihn. „Meine Leute haben mich hier vergessen. Ich wurde verfolgt.“

Der In-der-Luft-Schwebende erhob seine dörre rechte Hand und machte damit eine Kreisbewegung. Dabei fiel mir seine Haut auf, die vor Trockenheit das gleiche unebene Hexagonmuster aufwies, wie der Erdboden dieser Gegend. „Die Hunde sind von mir“, sagte er und gackerte glückselig auf. „Dev, Iblis, zeigt euch!“

Hinter dem Baum, dessen Stamm so dick war, das acht erwachsene Männer ihn nicht hätten umarmen können, nahm ich ein Wühlen und Hecheln wahr. Im nächsten Moment tauchten zwei bedrohliche Gestalten auf, die sofort ihre scheinbar gut vertrauten Plätze links und rechts neben dem Alten einnahmen.

Diese Tiere (falls es welche waren) übten eine Art abstoßender Faszination auf mich aus. Ihre deformierten Leiber, ihr in Fetzen hängendes Fell… Zwei Paar milchiger Augen glotzten mich hungrig an, ließen mich erstarren. Der Alte sprach wieder, als hätte er meine Gedanken erraten: „Vier Augen sehen besser als zwei, nicht wahr, Qizim?“

Er schwebte auf mich zu und dieses Schweben brachte meinen Körper zum Zittern. „Folge mir!“, befahl er. „Eines Tages muss man seine Schuld begleichen.“

Da ich nicht in der Position war, weder physischen noch verbalen Widerstand zu leisten, gehorchte ich. Es fiel mir schwer, mit dem über dem Boden gleitenden Alten Schritt zu halten, aber der Gedanke an die ihn begleitenden Bestien und daran, was hätte passieren können, wenn ich mich doch weigerte, wirkte sich stimulierend auf meine Körperfunktionen aus.

Wortlos erklommen wir einen Hügel. Als wir auf dessen Spitze angekommen waren, offenbarte sich mir ein desolater Anblick. Ich sah ein ödes Flachland ohne Anfang oder Ende; hier und da ragten rostige, seit Jahrhunderten verlassene Schiffe und Boote aus der Erde. Der Alte wandte sich mir zu.

„Siehst du das Meer?“, fragte er.

Da ich keines sah, antwortete ich mit einem Nein.

„Ich auch nicht“, sagte er und seufzte. „Seit nun 326 Jahren.“

„Wie alt mag dieser Mensch denn tatsächlich sein?“, fragte ich mich. Ich nahm an, dass ich lieber keine Antwort darauf erhalten wollte. Ein beklemmendes Gefühl nistete sich unterhalb meines letzten Brustwirbels ein und überzog meine Glieder mit einer unangenehmen Gänsehaut.

„Früher gab es hier Fisch im Überfluss“, sprach der Alte. Sein Antlitz war währenddessen gen Himmel gerichtet. „Fisch und Wasser und Kamele… Dann kamen sie. Die Besserwisser. Das Wasser wurde seitdem immer weniger und irgendwann verschwand es ganz. Die meisten von den Fischern hier haben die Gegend verlassen, sind nach Osten gezogen. Ich und meine Familie blieben.“

„Wo ist Ihre Familie jetzt?“, fragte ich.

„Ich habe sie gegessen“, antwortete der In-der-Luft-Schwebende in einem Plauderton, der mir die Sprache verschlug und die Kehle zuschnürte. „Die, die du ‚deine Leute‘ nennst, Qizim, waren eines Tages weg – abgehauen! Als sie merkten, was sie angestellt haben, packten sie alles auf ihre riesigen Schiffe und verließen die Erde. Soll der Allmächtige ihre Nachfahren bis in alle Ewigkeit verfluchen! Und dann hat die Sonne sich verfärbt.

Nachdem wir auch die letzten Wüstenspringmäuse – diese widerwärtigen Viecher! – gebraten haben und vor Schwäche nur noch kriechen konnten, verlor ich vor Hunger die Besinnung: Ich fraß zuerst meine Frau und dann auch meine Tochter. Seitdem nehme ich keine Nahrung mehr zu mir.“ Er zeigte auf die ihn begleitenden Biester. „Dev und Iblis gehörten früher meinem Nachbarn, doch er ließ sie zurück. Sie taten mir und meiner Frau leid, also behielten und verpflegten wir sie, so gut wie wir konnten. Das sind gute, gehorsame Hunde.“

„Fressen sie auch nichts mehr?“

Der Alte kicherte. „Doch, doch, Qizim. Das tun sie sehr wohl. Und jetzt lass uns umkehren.“

Einige Zeit später standen wir wieder vor dem saftlosen Baum. Sein totes Geäst warf krumme, schlangenartige Schatten auf die Erdoberfläche darunter. Ich blickte empor und sah, dass der Baum geschmückt war.

Im Geschichtsunterricht in der Schule mussten wir vor vielen Jahren eine Präsentation über Bräuche und Traditionen unserer Vorfahren auf der Erde vorbereiten. Beim Recherchieren stieß ich auf das Bild eines turkmenischen Wunschbaums, dessen Äste durch und durch mit weißen oder bunten Bändern verkleidet waren. Diese Bänder wurden dort von den Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch befestigt, um das Glück heraufzubeschwören.

Der Baum des Alten trug jedoch Accessoires einer anderen Art: Überall hingen menschliche Haarsträhnen, Knochen oder Schädel.

„Sie waren hier vor dir, Qizim“, sprach er. „Haben fotografiert, Proben entnommen… Da ich mich stets über Gesellschaft freue, wollte ich sie nicht mehr gehen lassen. Weißt du, es ist schon lange her, als ich zuletzt Besuch hatte.“

In diesem Moment begriff ich, wie ein am Fliegenfänger klebendes Insekt sich fühlen mag. Auf Alpamysh, bevor die Erkundungsmission losging, wurden uns einige Tricks und Kniffe beigebracht, mit Hilfe derer man sich aus einer auf den ersten Blick ausweglosen Situation hätte befreien können. In meiner Lage taugten sie jedenfalls allesamt nichts. Das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein, festzusitzen, legte meine Denkprozesse lahm.

Unter unvorhergesehenen Notumständen sollen die Teilnehmer Ruhe bewahren und umgehend Verstärkung anfordern, lautete eines der Mantras während unserer Trainingseinheiten. Jener Satz kam mir unter gegebenen Notumständen unglaublich lachhaft vor.

„Hunger treibt Lebewesen zu grausamen Dingen“, sagte der levitierende Alte. „Es ist von Vorteil, keinen Hunger zu verspüren wie ich. Die Hunde jedoch…“ Er zuckte ratlos mit den Schultern.

Seine Worte glitten an mir vorbei wie ein Vorhang aus Nebel. Ein Teil meines Verstandes weigerte sich vehement, dem, was geschah, Glauben zu schenken; der Andere nahm Opferstellung ein – jeden Augenblick bereit, alles zu erfüllen, was der Alte verlangte.

Er musterte mich von Kopf bis Fuß. „Deine Augen“, sagte er, „sie sind sehr schön. Gib sie den Tieren, dann ist ihr Hunger vorerst gestillt und wir können uns weiter freundlich unterhalten.“

Willenlos erhob ich meine Hand.

Es geschah mit mir tatsächlich, doch konnte ich mich dabei gleichzeitig selbst aus der Ferne beobachten. Wie in einem Traum. Es war einmal, es war keinmal… Bor ekanda yo’q ekan…

Ich fühlte meine Finger in die linke Augenhöhle eindringen und wie sie den Augapfel umfassten und daran zogen, wie die Sehbahn sich zuerst spannte und dann riss. Ich sah mich selbst vor Schmerz auf die Knie sinken und wie mein blutiges Auge aus meiner ebenso blutigen Hand herunterfiel und über die trockene Erde rollte.

„Dev, friss!“, hörte ich den Alten sagen. Und dann hörte ich die Turbinen unseres Bathyscaphes.

Dunkelheit überkam mich.

Doktor Sagong erzählte mir, dass ich fast 3 Tage lang ohnmächtig gewesen sei. Meine Leute hatten mich in der Wüste gefunden, brachten mich wieder nach Hause und gegenwärtig befand ich mich auf der Quarantänestation. Ich fragte ihn, ob sie den alten Mann erledigt haben. Doktor Sagong lächelte und erklärte mir, dass Halluzinationen eine ganz normale Reaktion des Körpers auf eine schwere nervliche Belastung seien.

„Wenn Sie hier rauskommen, bekommen Sie eine Einsicht in die Berichterstattung Ihres Teamleiters. Ich denke, das wird Ihnen helfen.“

Mein Auge, sagte er, werden sie rekonstruieren können, so dass ich in spätestens einem halben Jahr wieder vollkommen funktionstüchtig sein werde.

Es ist gut, zu Hause zu sein, in Sicherheit. Medikamente helfen und tagsüber betrachte ich das Intermezzo mit dem alten Mann bereitwillig als ungeschehen. Bei Nacht jedoch… Ja, bei Nacht, wenn ich in meinem Bett liege und das Licht des künstlichen Mondes gespenstisch auf die Fensterbank fällt, weiß ich, was in Wirklichkeit geschah.

*Qizim – ein usbekisches Wort für Mädchen, Tochter.

 

 

 

2 thoughts on “Wo einst das Meer war

  1. Ich weiß nicht, ob´s daran liegt, dass ich im Moment auf Lovecraft hängen geblieben bin, aber igendwie hat deine Geschichte so einen Lovecraft-Vibe. Im besten Sinne. Sehr coole, athmosphärische Story. Gut, ein wenig eklig zum Ende hin. Aber so muss das ja auch sein! 🙂

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