Ertragreicher Boden

Ertragreicher Boden

Eine Kurzgeschichte mit Gruselfaktor

 

„…mein Angebot gilt immer noch.“

„Mach dir meinetwegen bloß keine Umstände, Heike! Ich nehme einfach den Bus!“

Mit diesen Worten zog Ottmar Baudach die Tür des Lehrerzimmers hinter sich zu, eilte den überheizten Flur entlang und verließ das Schulgebäude durch die Hintertür. Nur Lehrern und Zehntklässlern war es gestattet, auf diesem Wege davonzuziehen; alle anderen mussten stets den Haupteingang nutzen.

Die Tatsache, dass sein gebrechlicher VW Polo an jenem Morgen endgültig den Geist aufgegeben hatte, brachte ihn zwar zum Nachsinnen über das nunmehr unausweichliche Leasing, betrübte jedoch nicht sein Gemüt. Denn zum Ersten war es der letzte Arbeitstag vor den Weihnachtsferien und zum Zweiten musste er immer wieder an die Nippel von Sarah Spengler aus 10c, die sich so herrlich unter ihrem nagelneuen Pullover abzeichneten, denken. Diese Art von Gedanken versetzte ihn in einen behaglichen, wachtraumähnlichen Zustand.

Ottmar Baudach war seit nun 17 Monaten geschieden, im Besitz einer hübschen Zweiraumwohnung und in der Blüte seines Lebens: 45 sind ja bekanntlich die neuen 35. Obendrauf sah er attraktiv genug aus, um abends nach einem Barbesuch nicht alleine nach Hause gehen zu müssen. Was würde Anna, diese dämliche Ziege, die das Haus und die beiden Katzen behielt, wohl sagen, wenn sie wüsste, wie viele Liebschaften ihr Ex in den letzten Monaten hatte?

Seit der Scheidung hatte er beim Vögeln immer wieder dasselbe Bild vor Augen: Anna beobachtet sein Treiben über Videokamera, der Mund in einer Miene des Staunens verzerrt, die Finger in einer verspannten Geste fest miteinander verflochten. Jene Vorstellung verstärkte seine Erregung zuverlässiger als sämtliche Potenzpräparate es hätten tun können und bescherte ihm derlei intensive Orgasmen, dass er des Öfteren das Gefühl hatte, einen Schlaganfall zu erleiden.

Das Zifferblatt seiner Armbanduhr zeigte 17:10. Draußen war es bereits stockdunkel und dicke Schneeflocken schwirrten seit Mittag vom Himmel herunter. An der Bushaltestelle angekommen, holte er sein Smartphone aus der Jackentasche. Wie erwartet, leuchtete das Lämpchen in der oberen linken Ecke des Geräts blau, was bedeutete, dass er neue Nachrichten hatte. Es waren 13 und allesamt von Sarah.

„Das Mädchen ist der Hammer“, dachte Ottmar genüsslich, „aber es könnte Probleme geben. Sehr große Probleme.“ Natürlich könnte er mit dieser Sache bis zum Ende des Schuljahres warten: Nach der zehnten Klasse wäre Sarah nicht mehr seine Schülerin und somit frei verfügbar. Doch das Warten gehörte seit einiger Zeit nicht mehr zu seinen Charakterstärken.

Seine Finger liefen schnell über den Touchscreen. „Der BH steht dir gut“, schrieb er. „Wie sieht es wohl ohne aus?“

Eine große Schneeflocke landete auf der leuchtenden Oberfläche des Smartphones und verzerrte Sarahs Gesicht auf ihrem Profilbild zu einer schreienden Grimasse.

Hoffentlich bleibt der Schnee bis Weihnachten liegen“, dachte Ottmar. Er stellte sich vor, wie Sarah und er eine Schneeballschlacht veranstalteten, wie sie dabei das Gleichgewicht verlor und auf die weiche, weiße Winterdecke fiel, wie er sich siegreich über sie beugte und ihr ein Friedensangebot unterbreitete, das selbstverständlich eine Bett-Klausel beinhaltete.

Träume, süße Träume…

Der Bus kam mit einer Verspätung von 4 Minuten.

„Was kostet Preisstufe A?“, erkundigte Ottmar Baudach sich beim Einsteigen.

„Geld“, antwortete ein grimmiger Busfahrer, über die Laune dessen man an diesem einzigen Wort fehlerfrei urteilen konnte.

Da Ottmar an jenem frühen Abend in keiner Weise zum Diskutieren veranlagt war, gab er dem Busfahrer wortlos einen 5-Euro-Schein, bekam 2,30 zurück und nahm einen Platz am Fenster im hinteren Busdrittel.

Außer ihm befanden sich im Straßenfahrzeug weitere 8 Personen, die immer weniger wurden, je näher der Bus seiner Endstation kam. Nur eine ältere, respektabel aussehende Dame in einem Karo-Mantel blieb noch sitzen, nachdem eine kalte Roboterstimme die letzte Haltestellenansage dieser Fahrt gemacht hatte.

Ottmar und die Karo-Dame stiegen aus.

Sein Heimweg, den er immer wieder mit Vergnügen antrat, führte durch eine kleine aber durchaus ansehnliche Parkanlage. Es dauerte circa 5 Minuten, um sie zu durchqueren, und dann noch weitere 3, bis Ottmar vor der Tür eines Vierfamilienhauses stand, wo auch seine vier Wände (Parkett, Gäste-WC, eine Einbauküche) geduldig auf ihn warteten.

Der Park stand zu dieser Stunde menschenleer, was in einem Stadtviertel voller Rentner nichts Außergewöhnliches war. Sobald eine jener RTL-Seifenopern auf der Mattscheibe erschien, traute sich niemand mehr, der die 60-Marke geknackt hatte, nach draußen. Hundebesitzer und Spazierwillige erledigten ihre Geschäfte (oder die ihrer Hauslieblinge) unmittelbar vor oder nach dem allabendlichen Spektakel.

Der zugeschneite Parkweg wies keinerlei Fußspuren auf. Glatt wie ein frisch gemachtes Hotelbett sah er einladend aus und weckte in Ottmar etliche Kindheitserinnerungen.

Er betrat den Weg, wobei seine Beine knöcheltief im weichen Pulverschnee versanken. So blieb er eine Weile dastehen, betrachtete die im Lichte einer LED-Straßenleuchte tanzenden Flocken. Es war ein schönes Gefühl, als Erster etwas Unberührtes für sich zu beanspruchen. „Wie zum Beispiel Sahras Jungfräulichkeit“, dachte Ottmar und grinste unwillkürlich.

Ein wütendes Autohupensignal zerriss die Idylle. Ottmar drehte sich erschrocken um, um zu schauen, wer in aller Welt die Dreistigkeit besaß, ihm diesen Moment der Seligkeit zu rauben, und sah das Omchen aus dem Bus nur wenige Schritte hinter sich stehen. Ebenso wie er selbst, verharrte sie da und genoss allem Anschein nach die vorweihnachtliche Atmosphäre.

„Ist das nicht ein wunderschönes Geschenk der Natur?“, fragte Ottmar sie, weil er sich komischerweise dazu verpflichtet fühlte, irgendwas zu sagen.

Keine Antwort.

Sie ist bestimmt schwerhörig“, kam ihm der einleuchtende Gedanke. Daraufhin lächelte er, winkte der Karo-Dame zu und setzte seinen Nachhauseweg fort.

Nach nur wenigen Schritten stellte er fest, dass seine Beine sich unnatürlich schwer anfühlten: So, als würde er durch ein matschiges Feld stampfen. „Ich muss mich in einem Fitnessstudio anmelden. Durch das verdammte Autofahren ist man bald nichts mehr gewohnt“, schimpfte er in sich hinein. Beim darauffolgenden Schritt erfüllte ein peitschender Schmerz sein linkes Knie und lief unverzüglich zu seiner Hüfte hinauf. Ottmar sank auf den Boden.

Herr im Himmel, lass es bitte kein Meniskus sein!“

Mühevoll erhob er sich wieder und blickte zurück.

Das Omchen stand nun geschätzt fünf Meter hinter ihm mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. Ottmar wurde unbehaglich zumute, als er bemerkte, dass sie ihre Füße stets sorgfältig in die von ihm hinterlassenen Spuren hineinsetzte. Im nächsten Augenblick unterbrach er den beunruhigenden Impuls.

„Sie möchte nur ihre Schuhe nicht ruinieren.“

„Man wird nicht jünger, nicht wahr?“, sagte er entschuldigend und versuchte ein Lächeln zu fabrizieren.

Wieder keine Antwort.

Der Schneefall wurde stärker. Trotz des quälenden Schmerzes setzte Ottmar seinen Körper wieder in Bewegung.

„Nur noch ein paar Minuten und du bist daheim, Junge, im Warmen.“

 Jeder Tritt verursachte ihm große Strapazen; die Atemzüge glitten nur erschwert seine Luftröhre hinunter.

Ottmar Baudach drehte sich wieder um. Die alte Schachtel folgte ihm unbeirrt weiter und er stellte mit Entsetzen fest, dass sein Zustand ihr eine unübersehbare Freude bereitete. „Hören Sie auf, mich anzustarren!“, brüllte er und ging weiter.

„Was geht hier eigentlich vor sich? Bekomme ich etwa einen Herzinfarkt?“

Nun ließ ihn die Selbstbeherrschung im Stich: Tränen schossen ihm in die Augen, verwandelten die Umgebung in eine Reihe verschwommener Flecken. Am ganzen Leib zitternd, nach Luft schnappend, plumpste er auf den Hintern. Die Alte stand nun direkt über ihm, fixierte ihn mit dem Blick.

„Notarzt, bitte rufen Sie einen Notarzt“, stieß Ottmar gequält hervor.

Und dann verdunkelte sich die Welt zum ersten Mal.

Als er kurze Zeit später wieder zu sich kam, stand sie immer noch über ihm. Ein unmenschliches Lächeln von einem Ohr bis zu dem Anderem zierte dabei ihr Gesicht und entblößte verfaultes Zahnfleisch und gräulich verfärbte Zähne. Von seiner Körpermitte ging ein dünner, silbriger Faden aus, der im Mund der Karo-Dame endete. Es wurde erneut dunkel.

Diesmal für immer.

Um 18:30 ging die achtundsiebzigjährige Berta van Offern mit ihrem Papillon Soffi Gassi. Ihre gewohnte Marschroute führte durch den Herderpark. Als sie Ottmars Leiche entdeckte, blieb sie gelassen: Wenn man so alt war wie sie, konnte man keine unnötige Aufregung gebrauchen. Sie wählte in aller Seelenruhe 112 auf ihrem altmodischen Klapphandy und blieb vor Ort, bis ein Rettungswagen eintraf.

„Herzstillstand“, konstatierte ein junger Arzt müde.

„Der bereits Dritte in den letzten fünf Tagen. Herzstillstände scheinen in diesem Park prächtig zu gedeihen“, erwiderte ein ebenso junger Rettungsassistent.

Der Arzt seufzte leise. „Ein durchaus ertragreicher Boden, nicht wahr?“

In der Tat“, dachte Berta van Offern, die immer noch danebenstand und das Geschehen interessiert beobachtete. Ihr karierter Mantel glitzerte vor winzigen Eiskristallen im Schein einer LED-Laterne.

In der Tat“, dachte sie erneut und lächelte zufrieden.

 

 

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